Das tragische Ende auf der B 252

Hans-Jürgen Krahl macht weiter nach dem Prozess, diskutiert hier und dort, steht im Mittelpunkt eines Hochschulseminars des SDS Ende September, versucht mit scharfer Kritik die Aufsplitterung der Organisation in kleinkommunistische Gruppen zu verhindern. Seit Oktober läuft in Frankfurt ein neuer Prozess wegen Landfriedensbruchs. Krahl hatte vor der Paulskirche gegen die Verleihung des Friedenspreises an den dichtenden senegalesischen Staatschef Léopold Senghor protestiert. Große Reden, Begeisterungsstürme aus dem Publikum, Heiligabend das absurd harte Urteil: ein Jahr und neun Monate Gefängnis. Krahl geht in Revision und bleibt auf freiem Fuß.

Und dann das Ende auf der Bundesstraße 252, die von Paderborn über Marburg nach Frankfurt führt, etwa 50 Kilometer vor Marburg, am späten Abend des 14. Februar 1970. Hans-Jürgen Krahl sitzt neben dem Fahrer, der Wagen gerät auf der eisglatten Straße ins Schleudern und stößt zusammen mit einem Lastwagen, der ihnen entgegenkommt. Krahl ist sofort tot.

Zweieinhalb Jahre hatte er offen und öffentlich gekämpft für die Revolution. Immerhin zweieinhalb Jahre; bei Rudi Dutschke sind es nur eineinhalb gewesen. In Hannover wird er beerdigt, im Familiengrab. Gleich danach treffen sich 100 Genossen vom SDS in der Technischen Universität. Viel zu sagen haben sie sich nicht mehr, sind sich aber einig, dass der Verband aufgelöst werden soll.

Es war das Ende vom Anfang. Das Ende eines Aufbruchs, der schließlich in wirrem Sektengezänk und Terror verkam. Und dennoch weiterwirkte - als historischer Akt, als Bruch einer akademischen Elite mit der westdeutschen Muff-Republik, mit der Nachkriegszeit, mit Ludendorffbund und tausendjähriger Untertanenmentalität. Seltsam nur, dass dies heute wieder so schreckt.