Wie steht es im Zeitalter des globalen Markts um die Literatur, um den Schriftsteller? Was verbindet die neue Massenkultur mit dem sozialistischen Realismus? Welches ist die Rolle des Intellektuellen zwischen Glamour und Krieg? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, ist bei Dubravka Ugrešic bestens bedient. In ihrem neuen Essayband erfährt man Einschlägiges über Lektoren und Agenten, über book proposals und Guides to Getting Started in Writing, über Eco unter den Nudisten, den zynischen Kult der Authentizität, über die "televisionierte", "verseifenoperte" Gesellschaft und die Notwendigkeit, den Optimismus trotz allem nicht aufzugeben.

Alles schon gelesen, alles schon gehört? Nein, so nicht. Nicht in dieser pointierten, unlarmoyanten Art, nicht aus dem Mund einer Autorin, die Ost und West gut kennt und als Exilantin für einen fairen Kosmopolitismus plädiert.

Dubravka Ugrešic, 1949 im kroatischen Kutina geboren, lebte bis 1992 als Schriftstellerin und Slawistin in Zagreb. Wegen ihrer antinationalistischen Stellungnahmen öffentlich gerügt und bedroht, beschloss sie, Kroatien zu verlassen. Mehrere Stipendienaufenthalte und Dozenturen führten sie in die USA. Heute hat sie ihren Wohnsitz in Amsterdam. "Fliegender Holländer", so nennt sie sich gern.

Man mag ihre Romankunst bewundern (Der goldene Finger, Das Museum der bedingungslosen Kapitulation), von ihren Essays ist man gefangen. Wenn sie in ihrem brillanten American Fictionary (deutsch 1994) die amerikanische Lebensart (mit ihrem Persönlichkeits- und Körperkult, mit ihren organizers, manuals, networks, schedules und shrinks) dem jugoslawischen Chaos gegenüberstellt, oder wenn sie in Die Kultur der Lüge (deutsch 1995) das Kriegstreiben auf dem Balkan analysiert. Detailwissen ist dabei immer mit persönlicher Anschauung gepaart, Information mit Narration, Coolness mit Engagement.

So auch in diesem Essayband, der Themen der letzten Bücher aufgreift, insgesamt aber einen leichteren Ton anschlägt. Liebäugelt Ugrešic mit den Mechanismen, die sie sarkastisch beschreibt? Der Verdacht wird von der Autorin selbstironisch kommentiert. Augenzwinkernd gesteht sie uns ihren (neu erworbenen) Optimismus, eher treuherzig ihr schon in der Kindheit kultiviertes Faible für amerikanischen Glamour, als sie mit Mama im Provinzkino Hollywood-Filme konsumierte. Informiert und fasziniert widmet sie sich Oprah Winfreys Talkshows, Sit-Coms, Soap-Operas, Bestsellern. Gerade das scheint eine Kritik zu gestatten, die akkurat, böse und humorvoll ist. Es lebe die Ambivalenz.

Es lebe ein Buch, das Joan Collins auf Georg Steiner treffen lässt, die Memoirenschreiberin Monica Lewinsky auf Jorge Luis Borges, den Buchhit How Stella Got Her Groove Back auf Maxim Gorkijs Klassiker Die Mutter. Die Mischung zeugt von einer fast einschüchternden Allround-Bildung.

In den ersten Kapiteln widmet sich Ugrešic den Gesetzen des globalen Buchmarkts, der "Trashisierung" dessen, was einmal Literatur hieß. Die Ergebnisse lauten verkürzt: Nicht Qualität zählt, sondern Quantität. Jeder kann Schriftsteller werden, Schreiner X., Bergsteiger Y., Prostituierte Z. Das Handwerk erlent man aus Ratgebern. Wichtiger als der Roman selbst ist seine Zusammenfassung, genannt book proposal. Den Rest erledigen Agenten, Scouts und Lektoren. Lesen beschränkt sich auf Waschzettel und Werbetexte. Die Buchhandlungen gleichen Supermärkten oder heißen Amazon.com. Fazit: "Der Autor und sein Leser sind heute zu einem Leben in der Halbillegalität verdammt."