Für die 68er war der Autor des Buches Die Verdammten dieser Erde einer der Wortführer des Befreiungskampfes in der Dritten Welt. Heute halten ihn algerische Jugendliche für einen General, französische Intellektuelle zählen ihn nach ihrer Reise vom Campus-Maoismus zum Konformismus zu den Aposteln der Gewalt, und Spezialisten der psychologischen Ferndiagnose betrachten ihn als Opfer der "Selbstablehnung". Hierzulande gilt er schlicht als "toter Hund": Frantz Fanon (1925 bis 1961) - fast überall vergessen, verkannt, verdrängt oder verfälscht. Es ist ein großes Verdienst, dass der Nautilus-Verlag ein Porträt des aus Martinique stammenden schwarzhäutigen Arztes, Journalisten, Publizisten und Politikers herausbringt. Die Autorin, die algerische Ärztin Alice Cherki, ist ein Glücksfall, denn sie hat in den fünfziger Jahren in verschiedenen psychiatrischen Anstalten mit Fanon zusammengearbeitet, und vermag jene Seiten von Person und Werk Fanons zu beleuchten, die bislang kaum bekannt waren. Der Frankreichkenner Lothar Baier hat für das Buch ein Vorwort verfasst, das die historische Konstellation, in der Fanons Schriften entstanden sind, herausarbeitet.

Alice Cherkis Ziel war nicht eine umfassende Biografie, sondern ein Porträt aus der Nähe, das sich auf ihre eigenen Erinnerungen und die Befragung von Zeitzeugen stützt. Als Sohn eines Zollbeamten wurde Fanon in ein durch und durch kolonialistisch und hierarchisch geprägtes Milieu hineingeboren. Die Békés, Abkömmlinge der kreolischen Weißen, beherrschten das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben auf der Karibikinsel. Als bei Kriegsbeginn 1939 10 000 französische Soldaten dort landeten, kam der offene Rassismus weißer Soldaten gegenüber den farbigen Einheimischen zur Herrenmentalität der Békés-Elite hinzu.

Als 18-Jähriger verließ Fanon Martinique und ging - gegen das Pétain-Regime - "in die Dissidenz", das heißt, er meldete sich als Freiwilliger bei General de Gaulles Forces françaises libres. Seine militärische Ausbildung erhielt er in Casablanca. Er kam im Sommer 1944 mit den französischen Truppen nach Saint-Tropez und machte die Befreiung des Rhônetals mit. In Montbéliard am Doubs wurde er verletzt, blieb aber bei der Truppe, bis auch das Elsass befreit war. Nach dem 8. Mai 1945 war Frankreich auf die farbigen Freiwilligen nicht mehr angewiesen und schickte sie nach Hause. Fanon war enttäuscht und fühlte sich als "Verteidiger der Interessen des Hausherrn", denn von einer Gleichberechtigung der nichtweißen Soldaten konnte keine Rede sein.

Nachdem er auf Martinique das Abitur nachgeholt hatte, studierte Fanon in Lyon allgemeine Medizin und Psychiatrie. Nebenbei beschäftigte er sich mit Politik, las Marx, Lévy-Strauß und insbesondere Sartre und hörte bei Merleau-Ponty, der damals in Lyon lehrte. 1952 schloss er sein Studium ab und arbeitete in einer psychiatrischen Klinik in Saint-Alban. Obwohl er sich neben seiner klinischen Arbeit auf auch anderen Gebieten versuchte (Theaterstücke, politische Publizistik), war er - wie Cherki zeigt - immer "ein echter Psychiater". Kurioserweise versuchte er einen durch und durch politischen Essay über die Entfremdung der Schwarzen als psychiatrische Dissertation einzureichen, was zum Skandal führte. Fanon lieferte daraufhin eine schulmäßige Arbeit nach und veröffentlichte den Essay 1952 unter dem Titel Schwarze Haut, weiße Maske.

Von 1953 bis 1956 arbeitete Fanon im psychiatrischen Krankenhaus von Blida, 45 Kilometer von Algier entfernt. Gegen den Widerstand der anderen Chefärzte verwandelte er Teile der Anstalt aus einem die Patienten isolierenden und disziplinierenden Gefängnis in eine Institution mit vielfältigen sozialen und therapeutischen Beziehungsgeflechten. "Die Psychiatrie muß politisch werden", postulierte er. Dem entsprach sein Auftritt beim "Kongreß schwarzer Schriftsteller und Künstler" in Paris im Sommer 1956, wo er die kulturellen Wurzeln des Rassismus anprangerte.

Ende 1956 quittierte er den Dienst als Arzt, weil er "in einem Land der systematischen Entmenschlichung" diesen Beruf nicht mehr ausüben wollte. Er wurde ausgewiesen und ließ sich in Tunis nieder, wo er halbtags als Arzt und halbtags als politischer Publizist für die Zeitungen Résistance algérienne und El Moudjahid arbeitete und zeitweise Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung (FLN) war.

Mit dem Aufstand vom 1. November 1954 hatte der Algerienkrieg begonnen, der von beiden Seiten brutal geführt wurde. Fanon kritisierte die Folterpraktiken der französischen Armee, die erst in jüngster Zeit in ihrem vollen Ausmaß erkannt wurden, warnte aber auch vor Exzessen in den eigenen Reihen, vor Grabenkriegen und Richtungskämpfen zwischen der politischen und militärischen Führung. Vor allem traute Fanon der FLN kein tragbares politisches Konzept zu für die Zeit nach dem Sieg über die Kolonialmacht. Seine Gegner waren "Kolonialismus" und "Kolonialgeist", nicht Menschen unterschiedlicher Herkunft. Fanon sah die selbstmörderische Gefahr, wenn die Befreiungsbewegung ihren Kampf "ethnisierte" und damit Menschen privilegierte, andere diskriminierte und korrupte Eliten zur Macht verhalf.