Werden wie Stoiber. Der Geübte braucht nicht mehr als einen Tag dazu. Stoiber hat bestimmte Eigenheiten, die im Gedächtnis hängen bleiben, drum ist er keine besonders komplizierte Figur. Im Gegensatz zu Schröder und Westerwelle, deren glatte Beschaffenheit dem Kabarettisten weit mehr abverlangt. Besonders eigentümlich wirken die Stoiberschen "Ähs", die er sich neuerdings hat abschleifen lassen wie andere Leute die Zähne. Vor aller Augen hat Stoiber eine Metamorphose hin zur Fernsehtauglichkeit durchgemacht und stellt damit auch seinen Imitator vor immer neue Herausforderungen.

Mathias Richling, der als Stoiber-Parodist dem Original zum Verwechseln gleicht, muss bei der Verwandlung des Kandidaten am Ball bleiben, damit er keinen Stoiber nachmacht, den es gar nicht mehr gibt. Diese "Ähs", sagt Richling, waren natürlich die Folge erhöhter Vorsicht eines Bayern auf dem bundespolitischen Parkett: "Denn Stoiber überlegt nicht jeden Satz, er überlegt jede Silbe." Leider hat ihm aber jemand die "Ähs" abgewöhnt, und er wird wie ein Rennpferd auf die großen Wahlkampfauftritte vorbereitet. Deshalb sieht Richling Stoiber zu einer neuen Marotte Zuflucht suchen, um Zeit zum Denken beim Reden zu gewinnen. "Achten Sie mal darauf", sagt der Kabarettist, "bei jedem neuen Satz wiederholt er jetzt den letzten halben Satz des vorherigen Satzes."

Auch in Präsentation und Körperhaltung Stoibers hat Richling Fremdeinflüsse feststellen müssen. Die Diskrepanz zwischen Sein und Aussehensollen wächst.

"Ein Mann hat sich seinem Anzug angepasst", sagt Richling und meint: Ein eher Unbeholfener gibt den Souveränen. Nur in Ausnahmesituationen rutsche Stoiber ein kleines echtes Lächeln heraus oder aus Versehen eine wahrhaftig arglose Bemerkung. "Dann", sagt Richling, "ist er richtig süß."

Auch CDU-Dogmen lässt Stoiber über Bord gehen

Werden wie ein Kanzler. Der Kanzlerdarsteller Stoiber will nicht mehr der alte Streithammel aus dem Süden sein. Hört man ihn dieser Tage auf den Marktplätzen zu den Menschen der Republik reden, im dunklen Anzug, beschwörend, doch mit milder Stimme und moderater Diktion, scheint die Mutation vom bayerischen Kirchweih-Kämpen zum gesamtdeutschen Landesvater so gut wie vollzogen. Der Münchner Publizist Hannes Burger kennt Stoiber lange und schreibt seit Urzeiten jene Reden, in denen deutsche Politiker beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg "derbleckt" werden. Ihm kommt dieser Stoiber, der da im Gewande des Kandidaten zu ihm spricht, fast vor wie eine elektronische Erscheinung. "Er ist von einem Korsett taktischer Rücksichtnahmen eingeschnürt", sagt Burger, "er ist nicht mehr er selbst, sondern die Inkarnation einer CDU/ CSU-Kompromissbildung." Der Bundes-Stoiber ist auf Harmonie bedacht, die ärgsten Fehler hat man ihm ausgetrieben, so verkneift er es sich nun, zu allem und jedem Stellung zu nehmen oder in jedem Satz ein Regierungsprogramm unterzubringen. Allenthalben schlägt er einen sozialdemokratischen Ton an ("Ich werde diese Politik für die Bosse nicht mittragen") und lässt - um neben Gerhard Schröder nicht ins Abseits zu geraten - auch Dogmen zeitweilig über Bord gehen, zum Beispiel die stets beschworene Treue zum transatlantischen Bündnispartner in der Auseinandersetzung mit dem Irak. 1976 schreibt Stoiber in seinem Buch Politik aus Bayern als Landtagsabgeordneter der CSU: "Wenn Mehrheiten durch Anpassung des eigenen Standortes an den Standort des politischen Gegners gewonnen werden, dann ist politisch ja im Grunde nichts erreicht worden. Es wäre naiv zu glauben, man würde dann bei Bedarf wieder zu dem selbstverschütteten Standort zurückkehren können."

Keine Zeit für die gebildeten Leser

Michael Spreng, ehemals Chef der Bild am Sonntag, nun publizistischer Leiter des Stoiber-Teams, sieht es von der lockeren Seite: "Wir wollen doch keine Sekte sein." Spreng hat Stoiber von persönlichen, ideologischen und regionalen Eigenheiten befreit und ihn zum Passepartout der Union umgeformt.

In seinem Büro in der Berliner Bundesgeschäftsstelle der CDU steht Stoiber als lebensgroßer Pappkamerad in der Ecke und lächelt dem Besucher unablässig zu. Inzwischen erläutert der Kanzlermacher, wie Stoiber wirken soll: ernsthaft, glaubwürdig, kompetent in den Kernfragen von Wirtschaft und Steuern. Ziel ist die klare Positionierung des Kandidaten gegen den amtierenden Kanzler und seine "politisch flatterhafte Art".

Spreng ist ein alter Medienfuchs, 30 Jahre im Geschäft und nach eigenen Angaben bekannt mit dem gesamten Spitzenpersonal der deutschen Politik. Einen Ausflug in die einschlägige Literatur zum Thema "Wie man Wahlkämpfe gewinnt" braucht er nicht: "Das interessiert mich nicht. Ich vertraue meinem Instinkt." Der sagt ihm auch, in welchen Medien sein Kandidat am besten untergebracht ist: Interviews mit Heimatzeitungen und regionale Telefonaktionen im Radio zur Herstellung von Nähe. Frauenzeitschriften, um die weibliche Wählerschaft zu beeindrucken. Das manager magazin, wenn es um Aktien geht. Darüber hinaus sind quer durch den Blätterwald Wortlautinterviews mit Stoiber oder seiner Frau zu lesen, die von Stoiber-Getreuen umgeschrieben und abgesegnet worden sind - maximale Kontrolle über das Erscheinungsbild des Kandidaten in Zeiten des Wahlkampfs.

Es darf vermutet werden, dass Edmund Stoiber auch deshalb kein Gespräch für dieses ZEIT-Dossier zustande kommen ließ. Aus dem Stoiber-Umfeld heißt es außerdem ganz offen: "Der Kandidat hat bei der gebildeten Leserschaft der ZEIT nichts zu gewinnen." Deren Meinungsbildungsprozess sei zu komplex, um darauf Einfluss nehmen zu können. Lieber nimmt Stoiber 48 Stunden lang Hans Meiser mit auf Reisen, einen Protagonisten des Oberflächenfernsehens. Und Meiser dankt's dem Kandidaten mit einer Sendung voll kindischer Fragen und dem Fazit nach der Werbung: "Wir können uns also auf Ihre Wahlversprechen verlassen!" Dieses bislang unübertroffene Dokument deutscher Hofberichterstattung wurde am Sonntag, den 18. August, zur besten Quotenzeit auf RTL ausgestrahlt.

Die Wahlkampfmethoden des Stoiber-Teams illustrieren moderne Politik. Die öffentliche Meinung im klassischen Sinne, die als Gespräch und Gedrucktes in Büchern, in Universitäten, in Theatern und mithilfe seriöser Medien entsteht, löst sich auf zugunsten der öffentlichen Stimmung, deren wetterwendische Zu- und Abneigungsschübe pausenlos von Meinungsforschungsinstituten analysiert werden. Deshalb drängt es Politiker, deshalb drängt es auch Edmund Stoiber, in die wichtigen Schaltstellen der Stimmungsdemokratie: Man will Einfluss auf die Sender, man will Präsenz im Fernsehen.

Als das Meinungsforschungsinstitut Forsa den Bundeskanzler Gerhard Schröder nach einer Blitzumfrage zum Sieger des ersten TV-Duells ausgerufen hatte, drohte die Union dem Institut im Falle eines Wahlsiegs sogar mit dem Entzug aller Regierungsaufträge. Die Herde setzt den Maßstab. Wie will da einer, der dem Land etwas zumuten muss, dem Drängen der Masse standhalten?

Stoiber, der Kandidat für die Masse. Wo er geht, ist eine Staubwolke, denn er bewegt sich nur noch im dichten Getümmel der Medienvertreter. Wohin er blickt, Kameras. Wohin er den Kopf wendet, recken sich ihm Mikrofone entgegen. Jede Äußerung wird eingefangen, mitgeschrieben, aufgezeichnet. Jede Person am Wegesrand, an die er ein flüchtiges Wort richtet, wird nachher tausendfach interviewt. Warum tut sich einer das an? Wie hält er das aus? Was bleibt von einem Menschen übrig nach so einem Kampf? Seine Begleiter wechseln sich ab, Stoiber muss bleiben. Für die albernste Aufnahme schlagen sich die Fotografen fast tot. Wenn der Kandidat mit seiner Frau und Vertretern der brandenburgischen CDU durch den Garten des Potsdamer Schlosses Sanssouci wandelt, rennen auch noch seine Fans neben dem Pressepulk her, ausgestattet mit Camcordern und Minikameras für Gedenkaufnahmen im Familienalbum. Was - außer Farbenreigen - nimmt Stoiber noch wahr? Was - außer Stimmengewirr - dringt noch zu ihm durch? Ein bisschen wie eine jesuanische Figur - umschwärmt und entrückt zugleich - durchmisst er Deutschland. Nur manchmal innehaltend, um das Evangelium von der Stärkung des Mittelstandes zu predigen. Und das ist seine Botschaft: Deutschland geht es schlecht. Schuld daran ist die Wirtschaftspolitik von Rot-Grün. Ich aber werde euch retten.

Ich bin die Konjunktur! Wählt mich! "It's the economy, stupid!" lautete einst die interne Parole, mit der Bill Clintons Wahlkampfteam das Weiße Haus erobern wollte. Und Clinton gewann die Wahl.

Stoiber verspricht, sich aufzuopfern für das Land. Und so wird er es auch halten. Die Selbstausbeutung für Bayern ist ihm nicht genug. "Er ist ein Besessener", sagt ein CSU-Mann, der ihn lange kennt, "es ist ein fast religiöser Wahn, der ihn treibt." Stoibers Ziel sei: Immer höher, immer schneller, immer besser. Seit 35 Jahren macht er nach dieser Maxime Politik - Tag und Nacht, Samstag, Sonntag. Er hat letztlich auch für Ehe und Familie wenig übrig. "Im Urlaub liest er Zeitung oder telefoniert pausenlos", sagt der Mann. "Für Stoiber gibt's kein Leben neben der Politik und auch keins danach. Glauben S' mir das!" Stoiber, der Aktenfresser, der Alleswissenwoller, der Nichtsdelegierer, steht für die Menschwerdung deutscher Sekundärtugenden. Fleiß und Pflichterfüllung sind seine Natur.

Schon morgens im Auto wühle er sich durch neun Zeitungen, sagt einer, der es wissen muss, er studiere das Handelsblatt, die FAZ und den Tölzer Kurier gleichermaßen. Ich darf niemanden enttäuschen! Ich muss meinen Auftrag erfüllen! - Diese Parole hänge wie ein Spruchband über dem Leben des Ministerpräsidenten. Wer sich durch die 183seitige Doktorarbeit des Jurastudenten Stoiber aus dem Jahre 1971 über Hausfriedensbruch quält, merkt: Hier arbeitete sich einer ab an einem ziemlich irrelevanten Thema. Das Werk trieft förmlich vom Schweiße des Verfassers. Stoiber trägt seinen Titel - im Gegensatz zu manch anderem deutschen Politiker - ganz sicher zu Recht. Der zur Schau getragene Fleiß des Herausforderers, der behauptet, sich nur vier oder fünf Stunden Schlaf zu gönnen, scheint sich inzwischen auch auf den Kanzler auszuwirken. Diverse SPD-Wahlkampfplakate zeigen nun Schröder, wie er im Schein der Schreibtischlampe nachts im Kanzleramt um Deutschland ringt, als sei zwischen den zwei Kandidaten ein stummer Wettstreit darüber entbrannt, wer als Letzter das Licht ausmacht.

Karin empfängt den Gatten am Hoftor - nachts um halb eins

Diese überdimensionierte Rastlosigkeit Stoibers hat einen Grund, und der ist offenbar Angst. Angst, Fehler zu machen, über den Tisch gezogen zu werden, Menschen oder politische Prozesse nicht durchschauen oder überwachen zu können. Angst, zu versagen. "In dieser Hinsicht", sagt Hannes Burger, "ist Stoiber ganz Leninist. Er findet: Vertrauen ist gut, Kontolle ist besser."

Angst hat er wohl auch, zu viel von sich preiszugeben. Deshalb hält sich das in die Öffentlichkeit transportierte Privatleben der Stoibers streng ans Protokoll. Anstand und Sitte stehen im Vordergrund, die erwachsenen Töchter kommen daher wie dressiert, jeden Wildwuchses beraubt, vereinnahmt und überadrett. Wer sich unter www.stoiber.de ins Internet begibt, kann dort stundenlange Begegnungen mit dem wackren Hausvater Stoiber und seiner kreuzbraven Familie haben: Man sieht Karin Stoiber frisch geföhnt ihren Gatten nach einem langen Arbeitstag nachts um halb eins "am Hoftor" in Empfang nehmen. In faden Beiträgen lobt sie ihren treuen Edi, mit dem sie seit "34 Jahren ein eingespieltes Team" sei. Der Kandidat selbst gibt in einem so genannten Wahlkampftagebuch zum Besten, was er dieser Tage in seinem Herzen bewegt, am 20. August zum Beispiel Folgendes: "In Bayern scheint wieder die Sonne. Nach einem Besuch in der Staatskanzlei versuche ich, diese ein bisschen zu genießen. Aber an faul sein ist natürlich nicht zu denken. Es gibt so viel zu tun, dass ich die Akten mit auf die Terrasse nehme."

Wer schreibt ihm so was? Sollen das Kanzlergedanken sein? Hat hier einer Laptop und Lederhose verwechselt? Von solch biederer Einfalt sind die Einträge, dass sie von einem satirischen Saboteur verfasst worden sein könnten. In diesem Bilderbogen des "Bei uns ist alles in Ordnung" kommt das Sitzenbleiben des kleinen Edmund in der 7. Klasse Gymnasium regelrecht als der Gipfel der Verwegenheit daher. Und wer zu lange im Kreise der virtuellen Stoibers verweilt, in dem keimt das dringende Bedürfnis, sofort eine Ordnungswidrigkeit zu begehen, wenn nicht einen kleinen Hausfriedensbruch.

Den Journalisten tritt die Familie Stoiber ebenfalls als reisendes Ensemble von Kunstgeschöpfen entgegen. Eine Journalistin, die Frau Stoiber fragt, was sie attraktiv an sich finde, erhält die Antwort: "Dass ich immer gut frisiert bin." Und als Stoibers ältere Tochter Constanze in einem Interview gefragt wird, worin ihr die Mutter ein Vorbild sei, antwortet sie - ja was? Bewundert sie ihre Mutter dafür, dass sie so lustig ist oder so mutig oder so warmherzig oder so gescheit? Dafür, dass sie es mit dem Vater aushält? Dafür, dass sie als alleinerziehende Mutter drei Kinder gesund und munter großgekriegt hat? Nein. Sie bewundert ihre Mutter dafür, dass sie nie "im Bademantel beim Frühstück saß", sondern schon nach dem Aufstehen "tipptopp zurechtgemacht war". Nicht Gedanken und Gefühle, sondern Konventionen scheinen das Leben der Stoibers zu diktieren.

Dass dem nicht nur so ist, dass es durchaus einiges an Karin Stoiber zu bewundern gibt, erfährt nur, wer mit Leuten redet, die die Stoibers lange kennen. Da ist dann auch von jenen, die dem Ministerpräsidenten ohne Liebedienerei gegenüberstehen, zu erfahren, dass seine Karin ein gutherziger, treuer, warmer, im Grunde scheuer Mensch sei und das beste Argument für ihren Mann. Auch heißt es, dass Stoiber sie "nicht nur als Sympathieträgerin für das Volk und als Werkzeug zur Erledigung von Politik", sondern auch als Person tatsächlich brauche. "So eine würd der nie mehr finden", sagt jemand aus Stoibers Dunstkreis. Und wettet mit sich selber, dass der sich im Amt verzehrende Stoiber überhaupt keine Frau mehr abkriegen würde, sollte Karin eines Tages die Nase voll haben.

Auch was den Kandidaten angeht, steht die Wirklichkeit nicht in der Zeitung.

Der verborgene Stoiber soll nett und freundlich, lustig und belesen sein, wenn man ihm unter vier Augen begegnet und "nichts Böses zu erwarten ist".

Stoiber handle oft mit entwaffnender und verblüffender Naivität, heißt es.

Wenn ihn der seltene Moment des Unvorbereitetseins und des Improvisierenmüssens ereile und er ganz auf sich gestellt sei, "dann hat er plötzlich alles, von dem man sagt, dass er es nicht hat", so formuliert es einer, der Stoiber aus enger Zusammenarbeit kennt: "Charme, Witz und Schlagfertigkeit".

Als er Anfang des Jahres schwer herzkrank in der Klinik lag, hat auch Horst Seehofer, CSU-Politiker und Mitglied im Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten, die inoffiziellen Eigenschaften des Edmund Stoiber erfahren. Obwohl Seehofer immer als parteiinterner Widersacher Stoibers galt, kümmerte sich der Ministerpräsident um den Exgesundheitsminister, rief ihn an und sprach zum ersten Mal lange mit ihm nicht bloß über Politik. "Die Anteilnahme war echt", versichert Seehofer, als Schwerkranker merke man so was. Dann sei Stoiber auch noch an Seehofers Krankenbett geeilt, habe sich vom Doktor auf dem angeschlossenen Monitor genau erklären lassen, wie Seehofers Herz funktioniert. Als er wieder ging, hatte Stoiber eine weitere Wissenslücke geschlossen. "Er wusste nun alles über Myokarditis", lacht Seehofer. Das klingt glaubhaft. "Ich hab ihn menschlich sehr schätzen gelernt", sagt einer aus Stoibers Umgebung, "ich hab mir oft gedacht, warum können ihn die Journalisten nicht einmal so sehen, wie ich ihn in den Konferenzen seh?"

Das liegt wohl an dem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis des Kandidaten, an seiner Furcht vor allzu großer Nähe und am erworbenen Misstrauen. Denn Politik, wie er sie versteht, ist ein allenfalls von Waffenstillständen unterbrochener Zweifrontenkrieg - gegen den politischen Gegner und mit gleicher Kraft gegen die eigenen Rivalen. Stoibers Leutseligkeit mit Journalisten erschöpft sich deshalb oft im Geplänkel über Fußball, ein Thema, das bei ihm als Reservat für Menschliches vorgesehen zu sein scheint.

"Wer ist denn der Gelbhaarige da?" - "Mensch, der Stoiber!"

Sonst lebt Stoiber in seiner Staatskanzlei wie in einer Festung, umgeben von einer ihm ergebenen Entourage. Die meisten sind Juristen aus dem Beamtenapparat, berechenbar und völlig auf ihren Herrn und Meister fixiert.

Es sind intelligente Taktiker, die sich gegenseitig im Auge behalten. Nach außen hin treten sie freundlich und konziliant auf, wie sie wirklich denken, weiß man nicht (wahrscheinlich wie Stoiber). Sogar Widerworte sind bei so viel Verzicht auf eigene Kontur drin, heißt es. Es geht zu wie bei Hofe. Dazu gehört auch, dass die, auf die König Stoiber sich verlässt, ihrerseits keinesfalls auf ihn bauen können. "Der Stoiber ist in Bayern für alles zuständig - bloß nicht für die Fehler", sagt man in der CSU. Wer in seinen Augen versagt, wen er anzweifelt oder als Sündenbock ausgeguckt hat, den lässt er fallen. "Er ist schon eine alte Schlange", meint ein CSU-Veteran, "früher hat er sich für den Strauß zerrissen, heute hat er keine Loyalität mehr in sich. Vielleicht hat jeder Mensch nur ein gewisses Quantum davon mitgekriegt, und Stoiber hat seine ganz an Strauß verbraucht."

Es war 1978 in der Münchner Olympiahalle, als der heute 85-jährige Karikaturist Ernst Maria Lang im Smoking zum Presseball ging. Da fiel ihm ein junger Mann "mit ziemlich gelben Haaren" auf, der um den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß herumwuselte. "Wer is denn der Gelbhaarige da?", fragte Lang jemanden. "Mensch", war die Antwort, "das ist doch der Stoiber, der Generalsekretär vom Strauß." Lang hat Stoiber seither vielhundertfach für die Süddeutsche Zeitung gezeichnet. Spitznasig und anfangs vor allem in dienender Funktion: Strauß als Lokomotive, Stoiber obendrauf als Kohlenschaufler. Strauß als Priester, Stoiber als sein Weihwasserkesselhalter. Strauß als Befehlshaber, Stoiber als sein Trommler.

Strauß als Kanonier, Stoiber als sein Rohrputzer. Selbst bei seiner Vereidigung zum bayerischen Ministerpräsidenten im Mai 1993 klammert sich der Bleistiftstrich-Stoiber an dem riesigen Finger fest, den sein Übervater Franz Josef Strauß durch die Wolken steckt. Und als Stoiber in der Karikatur vom 16. Oktober 1993 als Ministerpräsident sein CSU-Programm verlesen will, kann er nichts erkennen, weil er im dunklen Schatten eines gewaltigen Strauß-Denkmals steht.

Stoiber war weniger der Generalsekretär der CSU als der Gehilfe des Franz Josef Strauß. In alten Fernsehaufzeichnungen ist die Unterwerfung Stoibers unter die Macht des bayerischen Kolosses dokumentiert. Hinter dem schwitzenden, polternden, rotgesichtigen Strauß hastet der hoch aufgeschossene bleiche Stoiber durchs Bild mit einer Eulenbrille auf der Nase.

Was für ein skurriles Duo! Hier der barocke, lebenshungrige Potentat, dort der schmallippige Famulus, der den Schreibtisch leer arbeitet, wenn Strauß - oft auf Kosten von Herren aus der Wirtschaft - dahin geht, "wo gelebt wird", und seinen asketischen Generalsekretär deshalb nicht dabeihaben will. Unter solcher Ausgrenzung soll Stoiber gelitten haben. "Fragen Sie mal, ob jemand den Edmund je besoffen erlebt hat", sagt ein altgedienter CSUler, "er ist der Erfinder des Mineralwassers im steinernen Bierkrug. Der Strauß hatte Champagner drin. Und in beiden Fällen hat das Volk nicht gewusst, was g'soffen wird." - "Ja, Stoiber hat Strauß gedient", sagt der Karikaturist Lang. "Bedingungslos. Er liebte und bewunderte seine Eruptivität, die Kraft, die Dynamik". Stoiber habe bei Strauß aber auch gelernt, dass einer, der das Pulver trocken halten muss, viel Einfluss auf die Sache hat: "Darum heute die Forderung des totalen Gehorsams an die eigenen Leute."

Gelernt hat Stoiber bei Strauß, wie man sich Macht verschafft und sie ausbaut, aber auch, welche Probleme eine unkontrollierte Lebensweise bringen kann. Sein eigenes biografisches Gesamtkunstwerk kommt - von außen betrachtet - als eher unauffälliges Bürokratenleben daher, eine kontinuierlich ansteigende Karriere, keine Ausreißer, keine Abenteuer, keine Abstürze. Die völlige Abwesenheit von Lastern ist Stoibers unheimliche Tugend. Und man fragt sich, was Stoiber eigentlich erlebt hat. "Der Stoiber hat am Strauß partizipiert", sagt ein Strauß-Freund, "aber das war nicht das Schlechteste."

- "Ich glaub, dass der Stoiber meint, die Anteilnahme an den Abenteuern vom Strauß sei bereits Erlebnis genug", vermutet Ernst Maria Lang. Leben aus zweiter Hand also? Man komme in höchste Staatsämter nicht ohne Verletzungen, pflegte Helmut Kohl zu sagen. Bei Stoiber sind auch die Narben nicht offen zu sehen, aber man darf annehmen, dass die Zeit im Dienste des FJS nicht ohne Wunden an ihm vorübergegangen ist.

Was Strauß an politischem Gespür angeboren war, musste Stoiber lernen. Das zeigt sich etwa am 27. August 2002 bei seinem Wahlkampfauftritt auf dem Marktplatz von Weimar, wo inmitten der andächtig lauschenden Menge eine Hand voll Autonomer die Veranstaltung stört. Schmuddelig angezogene Halbwüchsige, die rauchen, durch die Finger pfeifen und einen blauen Luftballon hochhalten, auf dem die CSU durchgestrichen ist. Trotz der Kümmerlichkeit des Widerstands lässt Stoiber sich aus der Ruhe bringen. "Solche Leute", ruft er durch seine Lautsprecheranlage, "bestreiten alles, nur nicht ihren eigenen Lebensunterhalt!" Dieses Bonmot ist den Weimarern vielleicht neu, anderswo wirkt es uralt. Auch Franz Josef Strauß hat es schon in den Bierzelten im bayerischen Fürstenfeldbruck zum Besten gegeben. Und nun schallt das Echo des Straußschen Kalauers über die Marktbuden der Stadt Weimar hin, wo die Jugendarbeitslosigkeit 20 Prozent beträgt.

Warum brüllen sie? Sind Stoibers Worte so gefährlich für die SPD?

Auf anderen Kundgebungen Stoibers, in Hamburg zum Beispiel, ist der Protest weit heftiger - und beschämend. Alkoholisierte Haufen vorgeblicher Linker, daneben eine Truppe fahnenschwingender Sozialdemokraten, versuchen die Reden des Kandidaten niederzupfeifen und kaputtzubrüllen. Warum soll er nichts sagen? Ist seine Botschaft so gefährlich für die SPD, dass niemand sie hören darf? Was an Stoiber löst solche Aggressionswallungen aus? Wer als Unbeteiligter in der Menge steht, muss in sich die Beistandsreflexe mit dem Wahlkämpfer regelrecht niederringen.

Das gelingt umso leichter, ruft man sich ins Gedächtnis, wie Stoiber 1987 Max Strauß, den Sohn des Franz Josef, in Schutz nahm, als der sich gegenüber dem deutschen Botschafter in Saudi-Arabien ausfallend und unverschämt benommen hatte. Der Botschafter hatte Vertretern der deutschen Rüstungsindustrie in Riad klar gemacht, die Regierung werde keine Ausfuhr von Waffen in politische Spannungsgebiete dulden, und musste sich daraufhin vom Filius des bayerischen Ministerpräsidenten zurechtweisen lassen. Stoiber verteidigte damals das nassforsche Auftreten des Max Strauß mit dem Argument, der habe doch nur vom Recht eines jeden Deutschen Gebrauch gemacht, einen Beamten zu kritisieren.

Weniger tolerant geht Stoiber dagegen mit denen um, die ihn kritisieren. Im Internet-Tagebuch erregt er sich über Störer in Leipzig und konstatiert: "... ich bin für eine konsequente Innenpolitik."

Allerdings wird der Respekt vor Recht und Ordnung mit zweierlei Maß gemessen.

Das war bei Strauß so, und bei Stoiber ist es nicht anders. Stoibers flexibles Wertegerüst zeigt sich auch da, wo er dem Volk verspricht, er werde härter gegen Kriminelle vorgehen (sogar die Graffiti-Sprayer sind ins sicherheitspolitische Visier der Union gerückt), und gleichzeitig in einem Interview mit der Zeitschrift Auto, Motor, Sport Boris Becker als "einen der ganz großen Giganten" Deutschlands rühmt - offenkundig unbeeindruckt davon, dass die bayerischen Strafverfolgungsbehörden gegen den ehemaligen Tennisspieler Anklage erhoben haben - wegen Steu erhinterziehung in Höhe von über fünf Millionen Euro.

Nicht anders steht es mit der Empörung um die in den Schmutz gezogenen Werte von Ehe und Familie. Während der Vorwurf des hire and fire im Eheleben des Gerhard Schröder zur Wahlkampfmusik der Union gehört, singt Stoiber unverdrossen das Lob des Franz Beckenbauer, der - wiewohl noch verheiratet - seinen Fans die vierte Lebensgefährtin in der Bild-Zeitung präsentierte.

Aber so ist eben die bayerische Heldenverehrung. Und sie hüllt auch Stoiber in seiner Heimat ein. Er wird gepflegt und bedient, bedingungslos bewundert, von fast allen gewählt und findet das anscheinend ganz in Ordnung - auch da hat sich seit Strauß nicht viel geändert. Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Ludwig Stiegler, selber Bayer, nennt die Regentschaft des Ministerpräsidenten Stoiber "byzantinisch". Widerstand rege sich nirgends.

Stoiber lasse sich nur wenig im Landtag sehen, wettert er, und werde überschüttet mit Ergebenheitsadressen: "Die Leute liegen vor ihm im Staub."

Warum? "Weil das in Bayern halt so ist. Wir sind keine moderne Gesellschaft."

Deshalb prophezeit Stiegler dem Kandidaten "einen Nervenzusammenbruch", sollte er das Rennen ums Kanzleramt und damit die Bekanntschaft mit den anstrengenden Seiten der Demokratie machen. Und auch Ernst Maria Lang kann Probleme für einen Kanzler Stoiber nicht ausschließen: "Er kommt halt aus der bayerischen Demokratur."

Gestalt nimmt diese "Demokratur" im komischen Opus der Studenten um den Münchner Kunstprofessor Gerd Dengler an. Sie präsentierten ihr Werk mit dem Titel Edmund in Öl im Juli zur Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste: Eine Kunststoffpuppe in der Größe eines vierjährigen Kindes, die dem Ministerpräsidenten getreulich nachgebildet ist, schwebt horizontal (mit schwarzem Anzug, Brille, Ehe- und Siegelring angetan) in einem mit Rapsöl gefüllten Aquarium. Die übersinnlich beleuchtete Figur erinnert an den Corpus des toten Lenin, an dessen Ewigkeitsausstellung im Kreml die Massen vorbeipilgerten. Soll das heißen, Stoiber wäre als Apparatschik auch bei den Sowjets weit gekommen? Das Kunstwerk passe zu Stoiber, antworten die Studenten, denn es sei "feierlich und sehr konservativ". Anlass, schöpferisch tätig zu werden, war die Ernennung des Ministerpräsidenten zum Ersten Ehrensenator in der Geschichte der Akademie, die von den Studenten als eine jener Ergebenheitsadressen aufgefasst wurde, von denen Stiegler spricht. Das Rektorat der Akademie versuchte zwar, die Presse am Edmund in Öl vorbeizulotsen, doch das misslang.

Andere Kulturschaffende haben ebenso Erfahrungen gemacht mit der Demokratur.

Zum Beispiel die lustigen Sänger von den Biermösl Blosn. Vor zwei Jahren verhinderte die CSU in öffentlicher Abstimmung die Auszeichnung der bayerischen Kabarettisten, die sich in ihren Liedern vornehmlich an der Landesregierung reiben - den Kulturpreis des Bezirkes Oberbayern erhielten sie nicht. Hans Well, eines der musizierenden Geschwister, sagt darum: "Der Stoiber schuldet mir immer noch 15 000 Mark." Und dann wurde ein Lied der Biermösl Blosn auch noch von Seite 71 eines Schulbuchs für den Musikunterricht der achten Klasse verbannt: Gott mit dir, du Land der BayWa, eine Persiflage auf die bayerische Landeshymne und gleichzeitig eine Kritik an der landwirtschaftlichen Genossenschaft BayWa und ihrem flächendeckenden Einsatz von Kunstdünger und Chemie.

Wendet der Interessierte sich südwärts und dem Herkunftsland des Kandidaten zu, so fällt sein Blick tatsächlich auf ein Volk, das - aller Softwareindustrie zum Trotz - noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen ist. Ein Volk, das eisern am Traditionellen festhält und vornehmlich seine Ruhe haben will

ein Volk, über das Lion Feuchtwanger schrieb: "Sie sind stark im Ausdruck und schwach im Urteil"

ein Volk, das sich einen treuen Kinderglauben bewahrt hat und dem die Kardinäle bis heute in die Regierung hineinreden. Ein Volk, das sich zum Widerstand gegen jede Bevormundung aus Berlin oder Brüssel berufen fühlt. Mir san mir, und die da oben ham uns nix zum Sagen. Bayerns Kraft und Selbstbewusstsein stammen auch aus dieser Jahrhunderte währenden Opposition, aus dem Freistaatsdenken. Und womöglich hätte es nie eine Wiedervereinigung gegeben, wäre nach dem Zweiten Weltkrieg nicht der Osten, sondern Bayern abgetrennt worden. Wahrscheinlich hätte es nicht einmal einer Mauer bedurft. Und nun strebt also ausgerechnet ein Bayer ins Kanzleramt, will die ganze Republik regieren und sich einreihen unter die großen deutschen Staatsmänner.

Von globalen Krisen zurück zur Ortsumgehung von Freilassing

Was ist von Stoiber zu erwarten - außer dass die Aschenbecher rausfliegen aus dem Kanzleramt? Dass er zu den Visionären gehöre, behaupten nicht einmal seine treuesten Gefolgsleute, aber das sagt seinem Kontrahenten Schröder ja auch keiner nach. "Stoiber war ein perfekter Innenminister, er ist ein perfekter Ministerpräsident, und er wird ein perfekter Kanzler sein", sagt Seehofer voraus. Jede Zeit brauche ihren speziellen Kanzler, und jetzt benötige Deutschland keinen, der Sinnfragen aufwerfe, sondern einen, der drängende Probleme löst. Und da sei Stoiber als Manager der Deutschland AG der Mann der Stunde. Ernst Maria Lang prognostiziert, aus dem Kanzleramt werde "vor allem Ächzen und Stöhnen" zu hören sein, wenn der schneidige Stoiber dort tätig bei der Sache sei. Ein anderer aus der CSU meint: "Geschichte macht der Stoiber keine, aber Mühe macht er sich." Und wieder ein anderer findet: "Er ist halt ein großer Arbeiter, und wir brauchen jetzt einen, der die Bücher in Ordnung bringt."

Reicht das? Der Politologe Wilhelm Hennis sieht Deutschland vor weit gewaltigeren Aufgaben: der unvollendeten Einheit, der Osterweiterung, den Folgen der Flut, der Alterspyramide, der Umweltzerstörung und nicht zuletzt "den Schwierigkeiten, die der große Freund in Übersee macht, hinter dessen Rücken wir uns einst so schön verstecken konnten". Da braucht es einen mit Mut und Visionen. "Es wäre gut, wenn Deutschland in diesem Moment einen Kanzler stellen könnte, dessen Wort etwas gilt - aber ich seh keinen." Und Stoiber? "Stoiber ist einer, dem der Strauß abhanden gekommen ist." Ein guter zweiter Mann also? "So kann man es sagen."

Kein Kanzlerkandidat muss sich heute noch an Konrad Adenauer, Kurt Schumacher oder Willy Brandt messen lassen, an Politikern, die Geschichte erlitten und selbst gesehen hatten, was eine Republik zugrunde richtet. Aber reicht es, die Akten studiert zu haben, um Kanzler zu werden? Stehen die wichtigen Dinge in den Vermerken? Kann man sich Menschenkenntnis in Nachtarbeit anlesen? Darf man Stoiber zutrauen, auch außerhalb des Protokolls Politik zu machen - beim Bäumefällen mit Bush oder mit Putin in der Sauna?

Sollte Edmund Stoiber am 22. September die Wahl gewinnen, werden all diese Fragen beantwortet werden. Gewinnt er sie nicht, stellen sich andere Fragen.

Zum Beispiel die, wie er nach seinem gesamtdeutschen Ausflug wieder heimfinden will nach Bayern. Wie er von den Herausforderungen der globalen Terrorbekämpfung zurückkehren kann zur Problematik der Donaustaustufen oder der Ortsumgehung von Freilassing. Er wird wieder Bayerisch lernen müssen, seine Karin wird den Trachtenanzug mit den Hirschhornknöpfen ausklopfen und auf den Gamsbarthut pusten. Und sein Kompetenzteam aus der Staatskanzlei wird eine Image-Kampagne starten, um den Dr. Edmund Stoiber seinen Bayern wieder nahe zu bringen.