Vor den Töchtern schreiben die Väter. Über Lo und Lu und das Fluorpillchen, das Papa Ortheil der Kleinen in dunkler Nacht verabreicht, wissen wir seit Jahren Bescheid. Auch Francesco mit seinen kleinen tief dunklen Augen und dem süßem Stolpergang kennen wir, seit Papa Cotroneo, Feuilletonredakteur der italienischen Zeitung L'Espresso, dem Sohnematz literaturpädagogische Briefe schreibt, die natürlich nicht mit der Hauspost im Kinderzimmer landen. Wir kennen das Handke-Töchterchen und den kleinen Freudenspender im Hause Strauß. Die Ankunft der Grünbein-Tochter unter großem mütterlichen Geheul (Grünbein: "immer dieselbe antike Form, die man seit Aischylos kennt") wurde der Öffentlichkeit im vergangenen Jahr via Suhrkamp ebenso vermeldet wir das "Frohlocken" des Vaters beim Anblick des töchterlichen Kopfhaars, das der Papa noch im Kreißsaal mit den Engelslocken bei Botticelli zu vergleichen wusste. Wozu ist man Dichter.

"Das erste eigene Kind, das künftige Kleinod der Familie" - ja, das ist offenbar immer dieselbe Herausforderung für den schriftstellernden Vater, wie man sie seit der Antike kennt. Erste Proben der väterlichen Adorationspoeme waren schon in Grünbeins Tagebuch Das erste Jahr enthalten. Nun wurden sie erweitert zu einem Gedichtekranz an die Tochter (Grünbein über Grünbeins Verse: "Ihr Duktus ist das Entzücken aus nächster Nähe"). Erster Eindruck: Erleichterung. Das Tiefdruckbeilagen-Deutsch des Tagebuchs ist hier durch einen pfiffigen Kreuzreim ersetzt. Wenn sich Spielzeugdampfmaschine auf Leidensmiene und kleiner Wedel auf Kinderschädel reimt, hat Papa Grünbein den schwarzen Frack, in dem er im Hauptberuf zu dichten pflegt, für diesmal abgelegt. "Kleine quietschende Orchidee", nennt er das Kind, und das muss einem erst mal einfallen.

So geht das auf und nieder vom roten Köpfchen bis zu den kleinen Zehen, von den Nasenlochventilen bis zum Trommelbauch, die Fingerchen und natürlich auch die Fingerspitzen, die Pausbacken, der Po, die Waden, die Grübchen, die Rippen nicht zu vergessen ... man versteht das ja. Ohne solch süßen Worteinschuss in Vaters Brust wäre die deutsche Lyrik um manches teure Wiegenlied ärmer.

Die Lebensuhr tickt. Noch suchen "sieben Kilo Leben Halt", schon heißt es, "größer sind die Windeln nun und schwerer", bald wird der "erste Unhold" nach der Tochter gaffen. Und eine Weltsekunde später wird sie schon still als Waise an die Eltern denken. Kinder, wie die Zeit vergeht (dichterisch: "Zeit, die alterslose, treibt sie weiter"). Ein bekanntes Problem, das Grünbein löst, indem er nicht ohne Imponiergehabe für die paar Kilo vergängliches Leben Halt im Ewigen (neudeutsch: Antiken) sucht. Deshalb Kopf hoch, kleine Vera, "halt, wenn Zeus tobt, dich an Hera", das macht nicht nur die Windeln schwerer.

Wenn Vater den antiken Verseveredler, für den er zu Unrecht immer so gerühmt wird, allerdings weglässt - und das Kind auch sonst nicht dauernd mit Kleistschen Heldinnen, sein Lächeln nicht mit serafischen Mienen und das Berliner Kinderzimmer nicht mit Vermeer-Gemälden verwechselt -, wird die kleine Wundertochter sehr lebendig. Steht dann da mit Rucksack und Hagebutte, Windel und Proviant, ungeduldig und bereit für einen neuen Kindertag, wie man ihn seit der Antike noch nicht gesehen hat.

Durs Grünbein: Una storia vera

Ein Kinderalbum in Versen