Der Abschied von Yves Saint Laurent im vergangenen Januar markierte auf sehr symbolische Weise das Ende einer Epoche: die Zeit des unabhängigen Modeschöpfers, der verantwortlich für die Geschichte seines Hauses und identisch mit seiner Marke ist. Heute existieren die großen Modelabels aus dem vergangenen Jahrhundert fast nur noch als leblose Phantomlogos - inhaltsleere Bezeichnungen, die durch die Investitionen großer Finanzkartelle und das Heranschaffen neuen Blutes künstlich am Leben gehalten werden.

Junge Designer, die sich einen Namen machen wollen, werden an die kreative Spitze eines verblassenden Modehauses berufen, um ihm die künstlerische Glaubhaftigkeit zurückzugeben - vor allem natürlich steigender Umsätze wegen.

Alle großen Pariser Modehäuser, von Givenchy bis Saint Laurent, von Louis Féraud bis Balenciaga, von Dior bis Balmain, befinden sich zurzeit in einem absurden Wettlauf um ihre Scheinerben. Das ist nicht unproblematisch sowohl für die Pariser als auch für die internationale Modelandschaft. Denn worauf gründet sich künftig die Legitimation eines Hauses als Marke, wenn ihm die Identität seines Schöpfers entzogen wird?

Das Paradoxe am internationalen Modegeschäft ist die Tatsache, dass der Verlust der Identität dieser Labels in Wirklichkeit die Voraussetzung für ihr Überleben und ihre Erneuerung ist - allerdings nur mithilfe eines geeigneten neuen Designers. Eher als die eigentlichen Kollektionen bestimmen also die Neubesetzungen an der kreativen Spitze der berühmten Couture-Häuser die aktuellen Modetrends. Entscheidend sind die Strategien und finanziellen Spielräume der großen Konzerne.

Der Mythos vom unabhängigen Modeschöpfer existiert nicht mehr. Zuletzt beherrschte er die achtziger Jahre, als die Generation von Jean Paul Gaultier den Ton angab. Er reicht zurück in die Krisenzeit der europäischen Modebranche, aus der die belgische Avantgarde mit Martin Margiela als Speerspitze, gefolgt von Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Jurgi Person und Véronique Branquihno hervorging. Von da an war es für einen jungen Designer fast unmöglich, ernsthaft auf internationaler Ebene Erfolg zu haben, ohne wenigstens für eine gewisse Zeit einen Posten als Kreativdirektor bei einem der großen Häuser zu bekleiden, in denen man fieberhaft nach einem Neuanfang suchte. Der internationale Erfolg von Helmut Lang Ende der achtziger und während der gesamten neunziger Jahre ist zweifellos eine der wenigen Ausnahmen für unabhängiges Arbeiten - wenngleich seine Übernahme durch die Prada-Gruppe auch Lang in das Geflecht der internationalen Luxuskonzerne einbezogen hat.

Es waren die Erfolge eines John Galliano bei Dior und später eines Tom Ford bei Gucci, die die Luxusindustrie davon überzeugten, dass ein talentierter und willensstarker Kopf mit ausgeprägtem Hang zu künstlerischer und geschäftlicher Freiheit ein berühmtes Modehaus vor dem Abstieg, der Verbürgerlichung seiner Klientel und dem Überdruss der Modemagazine bewahren könne. Kurz gesagt, vor seinem Verschwinden.

Ohne einen großen Konzern hat kaum ein Designer eine Chance