Wer sich in diesen Zeiten in naturwissenschaftliche Denkfabriken verläuft, der begegnet gut gelaunten Forschern mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen. Der Refrain, natürlich zum Mitsingen, geht so: Die Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ist Schnee von gestern, der "dritten Kultur" gehört die Zukunft. Der Biologe Hubert Markl hat gerade wieder im Spiegel den Evergreen von der "dritten" Kultur angestimmt, und er klingt schön. Zu schön, um wahr zu sein?

Das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen wollte wissen, ob es etwas "Unverzichtbares" gibt, etwas, das bei einer naturalistischen Betrachtung unserer Lebenswelt gar nicht erst in den Blick gerät. Was, fragte Tagungsleiter Lutz Wingert, macht eine Lebensform "human" im Sinne von menschentypisch - oder sollte das Wesen des Menschen darin bestehen, keines zu haben? Wolf Singer, Leiter des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, machte Wingert wenig Hoffnung. Der Garten der menschlichen Freiheit, den der Philosoph glaubt bestellen zu können, schrumpft bei Singer auf die Größe eines Blumentopfs. Es gibt, sagen wir es offen, keinen Hausmeister im Hirn, kein Ordnungszentrum, kein Ich, keinen überwachenden Willen, kein selbstständig handelndes und beseeltes Subjekt.

So finden Hirnforscher für nahezu alles, was Herz und Verstand bewegt, ein neuronales Korrelat, für Gefühle, Aggression, sogar für Partnerbindungen. Demnach wäre Freiheit eine Selbsttäuschung, auf die eine gewisse Spezies offenkundig nicht glaubt verzichten zu können. Sie ist für Singer gewissermaßen das Zuckerl, das Eltern ihren Kindern schon im Laufstall verabreichen, damit sich die faktisch Unfreien später pfleglich, nämlich als Gesellschaft der Freien und Verantwortlichen behandeln. Den Rechtsphilosophen empfahl der Hirnforscher, sie möchten den Schuldbegriff überdenken; im Reich der hirnphysiologischen Kausalitäten gibt es im strengen Sinn des Wortes nämlich keine Schuld, nur Abweichungen von der "genetischen Normalverteilung". So viel Wissen zwinge uns zur "Demut", zu der Einsicht, dass wir die dynamischen Prozesse der Zivilisation nicht steuern können, weil wir nicht absehen, welche Folgen unser Handeln hat. "Es ist nicht gut, wenn Philosophen das Wissbare nicht zur Kenntnis nehmen."

Da war sie, Hubert Markls "dritte Kultur", jener glückliche Sonnenstaat, in dem das "Wissbare", das aus den hellen Kammern der Lebenswissenschaften ans Licht dringt, der Gesellschaft die Richtung zeigt, nach denen sie ihre Wege zu gehen hat. So sympathisch Singers Warnung vor sozialer (und naturwissenschaftlicher?) Hybris auch klang, sein Manöver ist typisch für viele "Lebenswissenschaftler". Singer naturalisiert kulturelle Normen und leitet aus dem unumstößlichen Ergebnis neue Normen ab - zum Beispiel die Demut.

Von diesen metabiologischen Kunstgriffen fühlten sich die versammelten Philosophen auf die Füße getreten, und zwar so heftig, dass nur der eilfertige Austausch diplomatischer Formeln den Wettersturz des akademischen Betriebsklimas verhindern konnte. Der Philosoph Ansgar Beckermann von der Universität Bielefeld witterte bei Singer "Inkonsistenz", der Frankfurter Rechtstheoretiker Klaus Günther wehrte sich gegen die Naturalisierung des Schuldbegriffs, der Philosoph Matthias Kettner warf Singer einen "quasitheologischen Fatalismus" vor: Wer Demut zu einer vernünftigen Haltung erkläre, unterscheide sie von unvernünftigem Verhalten, so Kettners Argument. Und wenn es diese Unterscheidung zwischen Vernunft und Unvernunft gibt - dann gibt es auch Freiheit.

Das nachahmende Tier

Wolf Singers Vortrag war nicht die allerbeste Werbung für "dritte Kultur" und "Lebenswissenschaften". Wäre es nicht viel eleganter, wie der Frankfurter Philosoph Wolfgang Detel dies versuchte, eine Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu bauen - ohne die Freiheit als Illusionsmüll endzulagern oder in der "Natur" Wesenseinsichten auszugraben, die man sonst nirgendwo findet? So könnte man, wie der Leipziger Kognitionsforscher Michael Tomasello, den Menschen als ein nachahmendes Tier verstehen, als ein Wesen, das sich immer schon im Raum des Symbolischen bewegt, dessen Zeichen aber in Freiheit interpretiert. Brennend interessiert sich Tomasello für die Entwicklung der menschlichen Kooperation, für jenes absichtsvolle und zurechenbare Handeln, das sich im Medium der Kultur vollzieht. Natürlich, unsere Sprachen, überhaupt alles Symbolische haben eine biologische Grundlage, aber sie gehen darin nicht auf. Der Nachweis des Hirnforschers, alle Wörter hätten ein naturhaftes Korrelat im Hirn, sagt eben nichts darüber, welche Bedeutung wir Sprechenden diesen Wörtern zumessen.