Der 20. September wird ein schöner Tag für Hans-Joachim Fliedner sein. Ein Vierteljahrhundert lang hat er, heute Leiter des Offenburger Kulturreferats, auf diesen Moment gewartet. Nun kommt, kurz vor der deutschen Schicksalswahl, der Oberbürgermeister und mit dem Oberbürgermeister der Bundespräsident, um den Salmen zu eröffnen -ein Denkmal von nationaler Bedeutung, wie es im Titel des Festprogramms heißt. Oder sollte man sagen: Wiederzueröffnen? Schließlich geht es hier um ein Haus, das bis 1938 ein Versammlungsort war und nun wieder, dafür hat Fliedner all die Jahre geworben, ein solcher sein soll. Kein Museum, bloß kein Museum.

Der Salmen: Das ist zunächst das Gasthaus zum Salmen, ein Schauplatz der deutschen Demokratiegeschichte. Weshalb Johannes Rau gewiss auch gerne kommt, in den Spuren seines politischen Ziehvaters Gustav Heinemann, der einst mehr Demokratiegeschichte wagen wollte. Daraus, wir wissen es heute, wurde nichts. Die traditionell recht obrigkeitsschlüpfrige deutsche Historikerzunft, die biedermeierlichen deutschen Museumsdirektoren, die mit immer neuen pseudokulturgeschichtlichen Devotionalienausstellungen alter Duodezherrlichkeit huldigen (Kurfürst Willibald hier und König Kunibert dort) - sie alle haben kaum Sinn für die eigentliche Geschichte der Republik, in der wir leben. Für jene Anfänge der Demokratie, die in dem halben Jahrhundert von 1789 bis 1848 heranwuchsen und im dann folgenden ganzen Jahrhundert von 1849 bis 1945 so gründlich ausgelöscht wurden.

Immerhin: Die 150-Jahr-Feier der 48er Revolution brachte 1998/99 manches in Bewegung, zumindest im Südwesten der Republik. So fiel denn Licht auch auf das ehemalige Gasthaus in Offenburgs Innenstadt, in dessen Festsaal am 12. September 1847 Gustav Struve und Friedrich Hecker gesprochen hatten - der Auftakt zur großen Erhebung. Das konnte an jenem Tag allerdings noch keiner der rund 600 Anwesenden ahnen; die 13 Forderungen des Volkes, die Hecker vortrug, waren geschickt formuliert und halbwegs auf dem Boden der großherzoglich-badischen Grundordnung: Rechtsgleichheit, Steuergerechtigkeit, Ausgleich "zwischen Arbeit und Capital" und so fort. Aber es lief schon auf "die Selbstregierung des Volkes" hinaus, auf die unveräußerlichen Menschen- und Bürgerrechte, und das roch in den bleiernen Metternich-Jahren nach Revolution. Die kam dann auch, und wie sie endete, steht in jedem Schulbuch. Mit Blut und Eisen wurde die Demokratie niedergewalzt, mit Blut und Eisen Deutschland geeint, mit Blut und Eisen am Ende zerstört - und halb Europa dazu. Drei Kreuze über Preußens Grab.

1875 hatte die jüdische Gemeinde den Salmen gekauft. Der Festsaal wurde zur Synagoge; mehr als ein halbes Jahrhundert trafen sich hier die Menschen zum Gebet. Dann, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, erzwangen sich vier braun Uniformierte, darunter ein Lehrer, ein Finanzbeamter und ein Herr von Adel - also Mitglieder jener gesellschaftlichen Elite, die Deutschland zu oft nur als den wahren Pöbel erleben musste - Zugang zum Gotteshaus, um es zu verwüsten.

Der Salmen, im Krieg äußerlich unzerstört geblieben (wie der größte Teil des liebreizenden badischen Städtchens Offenburg), diente schließlich als Warenlager. Das Vorderhaus zur Langen Straße hin wurde 1955 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt; ein Elektrogeschäft quartierte sich ein.

Davon ist nun nichts mehr zu sehen; die Architekten des Frankfurter Büros Wörner + Partner haben im Auftrag der Stadt, die sich das ganze Projekt sechs Millionen Euro kosten ließ, elegante Arbeit geleistet. Anstelle des Wasch- und Bohrmaschinenhandels schwebt jetzt zur Rechten ein hohes, prägnantes Glasfoyer auf die Straße zu. In den Altbau zur Linken zog ein Gastronom ein, nach über 100 Jahren gibt es also wieder ein Gasthaus zum Salmen. Und in den historischen Saalbau zur Mitten, Herzstück des Ensembles, lädt wieder, sanft aufgefrischt, die alte Treppe aus der Synagogenzeit. Ein kleines Bühnenhaus wurde hinten angebaut, sehr diskret, der cremefarbene Festsaal an der Längsseite zu einem Bühnenraum sacht geöffnet. Der Dielenboden musste erneuert werden, auch die Decke wurde für die Beleuchtungstechnik verändert, allerdings blieb zu den Wänden hin ein Abstand, der die originale Raumhöhe erkennen lässt.

Erhalten blieb aber vor allem die Galerie mit ihrer Balustrade und den Fenstern zum Saal. Hier oben hat der Ausstellungsmacher Marcel Keller mit Raffinesse die 13 Forderungen von 1847 ins Bild gesetzt, und hier erklärt auch, via Band, Verfassungsgerichtspräsidentin a. D. Jutta Limbach höchstrichterlich, wie diese im Grundgesetz von 1949 aufgegangen sind. Dazu erfährt der Besucher etwas über die Protagonisten jenes 12. September und ihre weniger bekannten Freunde - wie zum Beispiel den Offenburger Mediziner Karl Heinrich Schaible, der, 1849 ins Ausland geflohen, Engländer wurde und in London eine staunenswerte Hochschulkarriere machte.