Anfang August hatte das türkische Parlament per Verfassungsänderung die Todesstrafe abgeschafft und den Weg freigemacht zum Unterricht von Minderheitensprachen, allen voran des Kurdischen. Natürlich hofften die Türken, dass sich die Tür zur EU-Mitgliedschaft damit ein Stück weiter öffnen werde. Doch die Politiker in Europa üben sich in Zurückhaltung. Sie überlassen das Feld konservativen Meinungsführern, die zum Zwecke der Ausgrenzung das alte Lied von der Exklusivität und Sublimität der europäischen Kultur neu anstimmen.

In der ZEIT hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler diese bekannte Argumentationsfigur getreulich nachgemalt und aufgereiht, was der Türkei so alles fehle zum Europaformat: die jüdisch-griechisch-römische Antike, das Christentum, die protestantische Reformation, die Renaissance, die Aufklärung und die Wissenschaftsrevolution. Das sollen die historischen Bausteine sein, aus denen das gemeinsame Haus Europa errichtet worden ist. Wirklich?

Hätte die Union entstehen können, wenn ihre Gründungsväter sich einer solch selbstzufriedenen Nabelschau hingegeben hätten? War es nicht gerade das Wissen um die Katastrophen Europas, das sie sprachliche, kulturelle, religiöse und historische Gräben überwinden ließ und einen Neuanfang erst möglich gemacht hat? Ging es Robert Schuman und Konrad Adenauer tatsächlich um die Festschreibung von partikularen Traditionen oder vielmehr um die Formulierung von Werten, die keinem Land und keiner Region in die Wiege gelegt worden waren? Die wirklichen Werte Europas sind jene, zu denen auch Europa erst nach schrecklichen Fehlern gefunden hat, die keiner für sich reklamieren kann, die man nicht besitzt, sondern zu denen man sich nur bekennen kann?

Die Türken vor Wien, mal wieder

Doch für die Fans der Image-Liste von der Antike bis zur Reformation sind die Dinge einfach: Wer kein Teil ihres Etiketteneuropas ist, kann nicht Mitglied der Union werden. Das kulturelle Gütesiegel ist Voraussetzung für den Beitritt. Das passt so recht zu der Geisteshaltung, nach welcher der wahre deutsche Staatsbürger als Deutscher geboren und aufgewachsen ist. Wen wundert es, dass Überfremdungsängste eine zentrale Rolle spielen und Panik in der Luft liegt?

Kurt Krenn, der Bischof von Sankt Pölten, sieht eine große Gefahr. Für ihn kommt der Beitrittswunsch aus Ankara der "dritten türkischen Belagerung Wiens" gleich. Dass dem frommen Mann aus Österreich beim Stichwort Türken nur säbelschwingende Osmanen einfallen, ist schon befremdlich. Was aber, wenn der Historiker Wehler ernsthaft behauptet, dass die osmanischen Truppen vor Wien von gestern die politische Union von heute verhindern? Wie viele Kriege haben demgegenüber die christlichen Mächte untereinander ausgetragen? Haben nicht die Europäer die Kolonialkriege zu den Muslimen getragen? Nein, die deutsche Buddelei nach Gräben aus den Türkenkriegen dient nur dazu, die anderen Gräben zuzuschütten, die noch vor einer Generation Deutschland von Europa trennten, um bei sich und anderen die letzten Zweifel am eigenen Europäertum zu beseitigen.

Gerade aus deutscher Perspektive ist das kulturelle Argument zweischneidig. "Nie und nirgendwo", behauptet Wehler, "hat eine politische Union über Kulturgrenzen hinweg Bestand gehabt." Wie kann, wer sich zum Anwalt des "gemeinsamen kulturellen Erbes Europas" aufschwingt, vergessen, dass sich deutsche Kultur noch vor nicht allzu langer Zeit als Gegenentwurf zur westeuropäischen verstand? Weder Christentum noch Aufklärung konnten damals verhindern, dass Deutschland zum Gegenteil all dessen wurde, was Europa heute ausmacht.

Natürlich ist es angenehm, sich selbst zum Werteweltmeister zu ernennen und aus der Geschichte - wie aus dem Supermarkt - das zu nehmen, was man gerade braucht. Doch die Mär von der europäischen Geschichte als unaufhaltsamer Vervollkommnung des christlichen Abendlandes wird heute weder in Europas Schulen unterrichtet noch an seinen Universitäten gelehrt.

Überhaupt, das christliche Abendland. So richtig Kontur gewinnt es erst vor seinem Antipol: dem ach so despotischen wie islamischen Orient. Tatsächlich projizieren manche Europäer ihr Orientbild so auf die Türkei. Wäre nicht Projektion am Werk, schnell würde den Grenzziehern auffallen, wie europäisch die Türkei gerade in ihren negativen Seiten ist.

Ihr allseits beklagtes Demokratiedefizit hängt unmittelbar mit der Ideologie des Nationalstaats zusammen, welche die junge Republik von Europa übernommen hat. Die jahrzehntelange Weigerung Ankaras, die Existenz von Kurden und anderen Gruppen anzuerkennen, ist der Lehre geschuldet, der Staat sei für sein Überleben auf eine kulturell homogene Nation angewiesen. An diese durch und durch europäische Vorstellung und ihre Konsequenzen will heute in Europa so recht keiner mehr erinnert werden.

Mit den jüngsten Verfassungsänderungen hat sich die Türkei nicht etwa vom Orient gelöst. Sie hat sich erstmals vom Auslaufmodell des europäischen Nationalstaats entfernt, der die kulturelle Identität seiner Bürger genauso kontrollieren und bestimmen will wie ihre Kommunikation und ihr wirtschaftliches Treiben. Das ist ein großer Schritt hin zur EU. Denn das Geheimnis der Union ist die vorsichtige Relativierung des Nationalstaats. So schwer dieser Weg der Türkei auch fällt - sie hat den ersten wichtigen Schritt zurückgelegt.

Die Krux mit der Türkei scheint nur, dass von jeder Liberalisierung auch muslimisch-konservative Kräfte profitieren. Wie steht es um den politischen Islam in der Türkei? Wie fundamentalistisch sind die auch von Wehler beschworenen Fundamentalisten, die Islamisten, die im Europa-Antipol "Orient" so wenig fehlen dürfen wie die Despotie?

Der türkische Islam eignet sich für Dämonisierungen denkbar schlecht. Das Osmanische Reich war der muslimische Staat mit dem stärksten Bevölkerungsanteil von Christen. Die christlichen Gemeinden auf dem Balkan und in Anatolien haben die 700 Jahre des Reiches überdauert, für religiöse Minderheiten im christlichen Europa beileibe keine Selbstverständlichkeit. Die armenische Tragödie hat mit dem Islam nichts zu tun. Sie markiert den Zerfall des Reiches und den Beginn der Nationalbewegungen.

Anders als in Ägypten oder dem Iran ist der moderne, politische Islam in der Türkei im parlamentarischen Umfeld und als Partei entstanden. Er hat keine Tradition der Gewalt, des Untergrundkampfes und des Terrors. Außerdem leben die Türken seit drei Generationen in einer laizistischen Staatsordnung, deren Vorteile heute niemand mehr missen möchte. Nach zwei Jahrzehnten hitziger Debatten um Islam und Politik, die nach der islamischen Revolution im Iran auch in der Türkei geführt wurden, hat die Vorstellung vom islamischen Staat heute ihre Anziehungskraft vollkommen verloren.

Doch das Wort Islam hat es nun einmal in sich. Für ein idealisiertes Europa scheint darin die Gegenwelt aufzuscheinen, in der sich vieles bündelt: nicht-christlich, nicht aufgeklärt, nicht gleichberechtigt (zu den Geschlechtern) und nicht fortschrittlich. Hier wird ein Popanz aufgebaut.

Im Frühjahr 1995 demonstrierte die türkische Ministerpräsidentin Tansu Çiller, wie leicht Europa mit dem Popanz Islam an der Nase herumzuführen ist. Werde die Zollunion nicht abgeschlossen und damit die türkische Wirtschaft nicht gestärkt, sagte Çiller damals, erlange bei den Wahlen unweigerlich der Islamistenführer Necmettin Erbakan die Macht. Doch nur ein Jahr nach Abschluss der Zollunion koalierte sie selbst mit ebenjenem Erbakan, den sie Europa als islamistischen Gottseibeiuns zu präsentieren pflegte.

Heute ist Erbakans Uhr abgelaufen. Seine Partei hat sich gespalten, und ihm selbst sind für mehrere Jahre Parteimitgliedschaft wie Parteiführerschaft untersagt. Erbakans Getreue haben sich in der Glückseligkeitspartei gesammelt, für die sich kaum noch vier Prozent der Wähler interessieren.

Die Abweichler der Partei aber machen Furore. Zwei Monate vor der Wahl votieren in Umfragen 25 Prozent für die voriges Jahr gegründete Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) von Recep Tayyip Erdogan. Also doch: islamische Gefahr am Horizont?

Wohl kaum. Die AKP ist eine kulturell konservative und wirtschaftlich neoliberale Mittelstandsbewegung. Ihre Mitglieder suchen keinen Umsturz, sondern Integration ins System und gesellschaftlichen Aufstieg. Längst hat sich ihr Führer Erdogan von früheren Ausfällen distanziert. Selbst die laizistische Presse, einer seiner schärfsten Gegner, hat ihre Kampagnen eingestellt und rechnet mit einer moderaten und prowestlichen Politik. Zweitstärkste Partei ist in den Umfragen die Republikanische Volkspartei, die seit Gründung der Republik 1922 die Religiös-Konservativen bekämpfte. Führende Kommentatoren und enge Mitarbeiter des ehemaligen Wirtschaftsministers Kemal Dervi­, auf den der Westen große Hoffnungen setzt, empfehlen heute eine Koalition von Erdogan und Volkspartei.

Denn die türkische Gesellschaft hungert nach Ausgleich und Kompromiss, nicht nur in ethnischen und nationalen Fragen, sondern auch im 70 Jahre alten Streit um die Stellung der Religion. "Wenn freiheitliche Demokratie mit einer muslimisch-demokratischen Partei funktionieren kann, dann in der Türkei und mit der AKP", schrieb kürzlich die Los Angeles Times.Wenn nicht, bleiben nur die Thesen Samuel Huntingtons, des großen Vereinfachers.

Dennoch klammern sich Wehler und andere an die "islamische Gefahr". Da wird von der "fundamentalistischen Welle einer erkennbaren Mehrheit" gesprochen, obwohl selbst Erbakan nie mehr als 21 Prozent der Stimmen hatte. Da wird die Wachstumsrate der Bevölkerung um ein Drittel zu hoch angegeben, um vor einem muslimischen Sturm auf Europa warnen zu können. Und da wird der Islam von Bosnien bis Afghanistan über einen Kamm geschoren.

Solche Verkündigung vom hohen Ross europäischer Kultur herab schürt neue Vorurteile und bestätigt die alten. Sie vergiftet die Atmosphäre, verhindert die überfällige Verständigung über Sachfragen und erweist deshalb Europa einen Bärendienst. Wie soll die EU kühl über Bevölkerungsentwicklung, Freizügigkeit und Arbeitskräftebedarf verhandeln, wenn diejenigen, um die es geht, als unzivilisierte Massen gezeichnet werden? Wie überzeugend ist das Beharren auf Demokratie, wenn politische Betätigung mit muslimischer Identität per se als Fundamentalismus gebrandmarkt wird? Wer Besserwisserei und dumpfen Moralismus beiseite schiebt, wird schnell erkennen, dass Europa die Türkei mehr braucht, als manche glauben.

Europas Öl fließt durch die Türkei

Der Wert der Türkei für die EU liegt primär im Bereich der Außenpolitik. Die Stichworte sind Energiepolitik und Sicherheit. Ende der ersten Augustwoche wurde in London jenes Konsortium gegründet, das die lange geplante Erdölpipeline vom aserbaidschanischen Baku nach Tiflis und von dort zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan bauen wird. Damit haben sich Ankara und Washington nach achtjährigem Ringen um die Erdöl- und Erdgasvorräte in der kaukasischen Senke gegen Teheran und Moskau durchgesetzt. Bereits jetzt durchziehen Röhren mit turkmenischem, iranischem und sibirischem Gas die türkische Erde. Mittelfristig wird die Türkei zur wichtigsten Verteilerstelle der Öl- und Gasvorräte einer Region, deren Reserven Kuwait den Rang ablaufen. Pläne für den Weitertransport der Brennstoffe über den Balkan oder durch die Adria nach Europa liegen in der Schublade. Europa ist - stärker noch als die USA - einseitig von nahöstlichem Erdöl abhängig und hat ein vitales Interesse an sicheren Transportwegen. Und damit an der Türkei.

Die Transportwege müssen geschützt werden. Ankaras große Armee gründet sich nicht allein auf die Begeisterung der Türken für alles Militärische. Das Land ist von potenziellen Krisenregionen umgeben: Balkan, Kaukasus und Naher Osten, alles Gebiete, die für die Stabilität Europas eine Schlüsselrolle spielen. Sosehr die EU-Beamten die starke innenpolitische Stellung des Militärs kritisieren, so sehr loben die Soldaten der europäischen Armeen den kompetenten, überlegten und zuverlässigen Beitrag der Türkei bei der Eindämmung der Krisen auf dem Balkan. Gegen die Türkei ist eine effiziente europäische Außen- und Sicherheitspolitik weder in Südosteuropa noch im Nahen Osten möglich, wo unter anderem die Existenz Israels durch die Türkei mit gesichert wird. Auch der Ausbau der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsinitiative ist nicht ohne die Türkei zu haben. Sie ist ein Schlüsselmitglied der Nato, das sich aus verständlichen Gründen jedem Alleingang der EU in dieser Region widersetzt.

Vom Fluss des kaukasischen Öls wird die Türkei direkt und indirekt profitieren. Schon jetzt sind türkische Firmen im Bereich Bau, Telekommunikation und Lebensmittel in Zentralasien aktiv. Der Ausbau der Transportwege für Öl und Gas wird aus den 240 Millionen Einwohnern der gesamten Region mittelfristig Konsumenten machen, die aus der Türkei als Ausgangspunkt leicht zu erreichen sind. Wer die 67 Millionen Türken nur als Einwanderungsmasse und nicht als einen viel versprechenden Markt betrachtet, wird seine eindimensionale Sicht in 10 bis 15 Jahren gründlich revidieren müssen.

Günter Seufert leitete bis 2001 das Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Istanbul; arbeitet heute als freier Publizist