Für die kläglichste Erotikszene des Jahres wurde neulich ein Literaturpreis ausgelobt, und es steht bereits jetzt fest, wer von den großen Erotomanen zeitgenössischer Prosa diesen Negativpreis auf keinen Fall bekommen wird, nämlich der britische Romancier Ian McEwan. Ihm gelang schon in seinen Kurzgeschichten, die 1975 unter dem Titel Erste Liebe, letzte Riten veröffentlicht wurden, die bis dato souveränste Darstellung des lüsternen Menschen als lächerlicher Person, und McEwan hat seither noch in jedem seiner Romane die Kampfzone des Sexuellen weitaus subtiler und in der Brillanz seiner Analyse weitaus skandalöser geschildert als alle Michel Houellebecqs zusammen. Das Literaturgepolter der jüngeren Vergangenheit, wie es aus Frankreich zu uns herüberschallte, wird noch immer übertönt vom befreienden Gelächter jenes kleinen Mädchens, das in McEwans erster Erzählung zum Doktorspiel genötigt wird und mit seiner widerborstigen Naivität den halbwüchsigen Bruder zur Verzweiflung treibt. Bebend vor erstickter Heiterkeit, zeigt sie auf seine Blöße und keucht: "Es sieht so ... Es sieht so ...", sie sinkt in einem Kicheranfall zurück und schafft es dann mit einem lauten Quietscher: "... es sieht so doof aus!"

Die Komik dieses Malheurs hat aber ihre düstere Kehrseite, denn die Macht des Lachens erwächst ja aus Ohnmacht, aus der Erleichterung, gerade noch einmal davongekommen zu sein. Ein elementarer Schrecken nämlich lauert hinter allen Annäherungsversuchen, die Ian McEwans Figuren unternehmen, darum musste dem Autor das Farcenhafte zwangsläufig irgendwann ins Tragische umschlagen. Sein jüngster Roman lebt zwar auch von den frühen Motiven - vom Inzestuösen, von den Ängsten der Adoleszenz, vom gewalttätigen Grund des Begehrens -, aber erst jetzt hat der grandiose Stilist eine Story gefunden, die dem Ausmaß seines poetischen Vermögens entspricht, die ihm erlaubt, ein Familiendrama zum Welttheater zu entfalten.

Das Abenteuer der Tugend

Abbitte ist die Geschichte zweier ungleicher Schwestern, fast noch ein Kind die eine, fast schon erwachsen die andere, die an einem brütend heißen Sommertag des Jahres 1935 plötzlich an den Scheideweg ihres künftigen Lebens gelangen. Während sich auf dem Landsitz ihrer Eltern ein kleines Ensemble aus Verwandten, Gästen und Bediensteten versammelt, während Cocktails gemixt und Abendkleider anprobiert werden, fallen die beiden Mädchen aus dem Stand der Unschuld ins Leben. Das 19. Jahrhundert mit seinem Ennui und seiner schwärmerischen Passivität neigt sich hier einem verspäteten Ende zu, und die Heldinnen werden zum Handeln gezwungen, noch ehe sie sich ihrer Willensfreiheit bewusst geworden sind. Plötzlich müssen sie die Gegenstände ihrer Leidenschaft (ein Theaterstück einerseits, einen Mann andererseits) gegen Begehrlichkeit und Verleumdung verteidigen, dabei waren sie eigentlich bloß auf der Jagd nach Liebe: die 13-jährige Briony schreibend, in den melodramatischen, aber moralisch wohl eingezäunten Gefilden selbst erfundener Romanzen, wo das Abenteuer der Tugend stets gut ausgeht

die 23-jährige Cecilia dagegen spielend, auf dem schwankenden Grund einer alten Freundschaft, wo plötzlich alles möglich ist, die Leidenschaft ebenso wie die Katastrophe.

Cecilia Tallis hat sich verliebt, unstandesgemäß zwar, doch glücklich, denn sie wird wiedergeliebt von Robbie Turner, dem Sohn der Putzfrau. Im ersten Akt des dreiteiligen Romans entdecken sie ihr gegenseitiges Begehren und finden auf verschlungenen Umwegen in den dunklen Winkel der Familienbibliothek. Dort widerfährt ihnen ein Glück, wie es nur wenigen Paaren der Weltliteratur vergönnt war, sie werden zu Hauptdarstellern in einem Glanzstück dichterischer Liebeskunst. Auf dessen Höhepunkt jedoch knarrt die Tür, und herein tritt das Verhängnis in Gestalt von Briony. Sie hat sich leider ebenfalls verliebt, nämlich in die Vorstellung von sich selbst als großer Dichterin, und ist wild entschlossen, jene Welt der Erwachsenen zu erforschen, die im engen Zirkel des elterlichen Anwesens liegt, aber mit der grenzenlosen Fantasie eines erregten Teenagers interpretiert wird. "Es gab nichts, was sie nicht beschreiben konnte, sogar das leise Tappen eines Irren, der verstohlen über den Weg schlich ..."

Ian McEwan hat einen Roman über die Literatur geschrieben, der gleichzeitig ein Roman über den Menschen ist. Gleichzeitig - darin liegt die Kunst. Kein Buch, in dem neben diversen Figuren auch einige literaturtheoretische Überlegungen vorkommen, sondern ein Buch, das nach der Moral des Schreibens fragt und Schreiben, also Imaginieren, als besonders heikle Form sittlichen Handelns betrachtet. Das ist klassisch gedacht, insofern die Hybris des Dichters gegenüber der Welt, die er fassen und überhöhen will, hier zwangsläufig zur Katastrophe führt. Das ist fatalistisch gedacht, insofern jeder Mensch zum Verhängnis des anderen werden kann. Und das ist kongenial gemacht, indem das Böse ausgerechnet im Bereich des zweckfreien Schönen zum Ausdruck kommt, indem die Gewalttätigkeit des schöpferischen Aktes kaum geringer als der Terror der Schändung erscheint: Auf sinistre Weise wird das Schicksal eines vergewaltigten Mädchens mit der Initiation der jugendlichen Dramatikerin Briony ins Reich der Romanschriftsteller verknüpft.