Nach der Wahl die Qual? Jedenfalls dann, wenn die Bundestagswahl zu keinem eindeutigen Ergebnis führen sollte. Keine absolute Mandatsmehrheit für Union und FDP (die Umfragen sehen derzeit so aus), aber auch keine Kanzlermehrheit für Rot-Grün - auch das ist durchaus denkbar: Was dann?

Die erste Stunde des Präsidenten: Wem soll der Bundespräsident dann den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen? Niemandem! Denn der Bundespräsident hat nach dem Grundgesetz gar keine solchen Aufträge zu erteilen. Er hat nicht mehr zu tun, als dem Bundestag eine Person zur Wahl als Bundeskanzler vorzuschlagen. Und zwar nicht einfach jemanden, den er gern in diesem Amte sähe, sondern eine Person, die im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen muss, also die "Kanzlermehrheit". Findet sich ein solcher Anwärter, bleibt dem Präsidenten nichts anderes übrig, als ihn für den ersten Wahlgang zur Abstimmung zu stellen: Nicht er wählt den Kanzler, sondern allein der Bundestag. Bevor der Bundespräsident diesen Vorschlag nicht gemacht hat, kann der Bundestag allerdings nicht zur Wahl schreiten. Stimmt aber der Bundestag diesem Vorschlag nicht mit der absoluten Mehrheit zu, ist das Vorschlagsrecht des Bundespräsidenten ein für allemal verbraucht. Damit endet die erste Stunde des Präsidenten.

Keine absolute Mehrheit für niemanden: In diesem Fall muss der Bundespräsident sondieren, ob sich nicht doch noch eine absolute Mehrheit finden lässt, etwa durch eine Koalitionsbildung, die zunächst im Getümmel des Wahlkampfes nicht abzusehen war

denn das Grundgesetz will möglichst Kanzler mit Kanzlermehrheiten. Stracks auf einen Minderheitskanzler zuzumarschieren, das führte den Präsidenten ins Abseits. Aber welche Optionen hätte er?

Option Schwarz-Gelb: Nehmen wir an, keiner der beiden Blöcke habe die Kanzlermehrheit, Schwarz-Gelb läge aber vor Rot-Grün. Muss dann der Präsident Edmund Stoiber vorschlagen? Die Antwort: Nein. Es gibt im deutschen Verfassungsrecht weder ein Privileg für die größte Partei noch für die relativ größte Parteienkombination, sondern nur ein Privileg für die absolute Mehrheit. Selbst wenn die Union als größte Partei aus der Wahl hervorgehen sollte, nützte ihr das noch nichts. Die Frage wäre allein: Kann sie eine absolute Mehrheit der Stimmen auf die Waage bringen?

Option Rot-Grün-Rot: Wenn Worte noch irgendeinen Wert haben, ist es ausgeschlossen, dass Gerhard Schröder mit den Grünen und der PDS zusammen regiert. Er will, so sagte er, eine eigene offene Mehrheit. Aber könnte der Präsident ihn nicht einfach so zur Wahl vorschlagen und es darauf ankommen lassen, ob sich mit verdeckten Stimmen, etwa von der PDS, eine Kanzlermehrheit findet? Gewählt wäre Schröder dann ja - und stürzen könnte ihn (durch ein konstruktives Misstrauensvotum) nur noch eine andere absolute Mehrheit, die aber ausgeschlossen erscheint. Rein rechtlich wäre ein solches Manöver nicht zu beanstanden, es würde freilich zu einer Vertrauenskrise führen und den Bundespräsidenten moralisch gewaltig beschädigen. Weshalb er sich nicht bemüht habe, andere, stubenreinere Koalitionen zu finden - das würde man ihn bis zum Ende seiner Tage bohrend fragen, zumal es in späteren Wahlgängen durchaus noch die Möglichkeit gibt, auf "anständige" Weise einen Minderheitskanzler zu wählen. Und aus eben diesem Grunde müsste der Kanzler die Annahme einer Wahl ohne offene Mehrheit verweigern, jedenfalls in dieser Phase des Verfahrens. Von dieser Option gilt also: verfassungsrechtlich legal - politisch letal.

Nun sucht mal schön! In diesem Szenario bliebe Johannes Rau nichts übrig, als Gerhard Schröder nach anderen Wegen suchen zu lassen: eine Ampel Rot-Gelb-Grün - oder eine große Koalition. Rau selbst hätte hier keine Präferenzen anzumelden. Der Ball läge allein beim Parlament. Der Präsident könnte ein wenig sondieren und vermitteln, aber keine Bedingungen stellen.