Warren Gamaliel Harding war ein freundlicher, warmherziger Mann mit eher einfach strukturiertem Intellekt, doch von einer Jovialität, die es jenen, die ihn persönlich kannten, unmöglich machte, auch nur ein schlechtes Wort über ihn zu verlieren. Auch hatte er nach gut zwei Jahren im Weißen Haus eine auf den ersten Blick ansehnliche Bilanz vorzuweisen, ja, er schien in jenem Sommer 1923 seinem erklärten (und von einer realistischen Selbsteinschätzung zeugenden) Ziel nahe zu sein, zwar nicht als der größte, wohl aber als der meistgeliebte aller US-Präsidenten in die Geschichte einzugehen. Und doch sollte er, Warren G. Harding, am Ende in der Rangliste, die regelmäßig von amerikanischen Historikern aufgestellt wird, den allerletzten Platz einnehmen.

Seine Geschichte geriet zum Menetekel - für jeden amerikanischen Präsidenten, und natürlich wurde sein Name jetzt wieder genannt, als in den USA die Affäre um die dubiose Energiefirma Enron das erste Mal für Schlagzeilen sorgte und die Wellen bis an die Mauern des Weißen Hauses schlugen: Auch George W. Bush scheint Freunde und Förderer zu haben, die ihm noch sehr gefährlich werden können. Allerdings befindet er sich, zurzeit jedenfalls, in einer ungleich günstigeren Position als sein Amtsvorgänger in den Zwanzigern: Die Öffentlichkeit ist mit dem Krieg beschäftigt, dem Krieg gegen den Terror und dem angekündigten Feldzug gegen den Irak. Zudem blieb Bushs Kabinett trotz aller Spekulationen und Gerüchten bisher von folgenreichen Enthüllungen verschont.

Doch auch der Republikaner Harding hatte zunächst das Glück und den Erfolg auf seiner Seite. Schon seine Präsidentschaftskampagne mündete in einen Triumph: Im November 1920 war er mit der bis dahin größten Stimmenmehrheit ins Weiße Haus gewählt worden. Sein Wahlprogramm: Back to normalcy - zurück zur Normalität. Nichts entsprach mehr dem Wunsch der Amerikanerinnen (die in diesem Jahr erstmals landesweit an der Wahl teilnehmen durften) und Amerikaner. Amtsinhaber Woodrow Wilson, der sich selbst in seinem überspannten Sendungsbewusstsein für die höchste moralische Instanz des Landes, wenn nicht gar der Welt hielt, hatte die USA in den Ersten Weltkrieg geführt. 117 000 Soldaten waren im fernen Frankreich geopfert worden, um - wie Wilson hoffte - die "Welt für die Demokratie sicher zu machen". Nichts deutete darauf hin, dass dieses Ziel erreicht worden war. Stattdessen fürchteten viele Bürger, Wilsons Pläne und Träume von einer führenden Rolle der USA im neu gegründeten Völkerbund könnte ihr Land in immer neue Konflikte verwickeln.

Hinzu kam, dass die Wilson-Administration dem politischen System des Landes schwer geschadet hatte: Denn nie zuvor war die amerikanische Öffentlichkeit so lange und ausdauernd belogen worden wie in den letzten eineinhalb Jahren seiner Präsidentschaft. Wilson war nach einem Schlaganfall amtsunfähig geworden, ein Zustand, den eine in seinem Namen regierende - oder vielmehr: eine effektive Regierung verhindernde - Troika aus First Lady Edith, Sekretär und Leibarzt verschwiegen und vertuscht hatte.

Gute Ideen - aber miserable Menschenkenntnis

So nimmt der Wahlsieg des Warren G. Harding nicht wunder, trotzdem war er in dieser Höhe bis dato schwer vorzustellen; denn Harding konnte mehr als 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Die Wähler ersetzten einen visionären Moralprediger durch einen liebenswürdigen Kleinbürger. Harding hatte kein Elite-College besucht, war kein brillanter Anwalt, sondern ein bodenständiger Zeitungsmann. In seiner Heimatstadt Marion im Bundesstaat Ohio hatte er ein wackeres Lokalblatt herausgegeben, den Star, und saß seit 1914 für die Republikaner im Senat. Er verkörperte - in jeder Beziehung - die politische Mitte; kontroversen Themen ging er am liebsten aus dem Weg, und widerstreitende Meinungen pflegte er mit seinem eisernen Charme zu überspielen. Seinen Ehrgeiz, sein Streben nach dem höchsten Staatsamt wusste der große Konziliator geschickt zu kaschieren, bei seiner Frau Florence waren die Ambitionen, das Haus 1600 Pennsylvania Avenue zu beziehen, schon wesentlich offensichtlicher. Eine wichtige Rolle auf dem Weg nach oben spielte auch Hardings Berater Harry Daugherty, der über seinen Chef zu sagen pflegte: "Er ruhte sich aus wie eine Schildkröte, die in der Sonne döst, doch ich stieß ihn ins Wasser."

Viele von Hardings Ideen waren durchaus fortschrittlich. Aus einfachen Verhältnissen kommend, hatte er ein Herz für die Arbeiter und setzte sich für die Abschaffung des Zwölfstundentages ein, damit "mehr Zeit zur Entspannung und für die Familie" bliebe, was wichtig sei, "um Amerikas Freiheiten und Chancen auch zu nutzen". Gegen immense Widerstände reformierte er die staatliche Gesundheitsvorsorge für Frauen und Kinder. In einer Ära voller Vorurteile erschien er wie eine Stimme der Vernunft: In Birmingham, Alabama, im Herzen eines zutiefst rassistischen Südens, forderte er das "Ende der Vorurteile". Der Ku-Klux-Klan war für ihn eine "Gruppierung des Hasses, der Engstirnigkeit und der Gewalt", die eine "Bedrohung der bürgerlichen und religiösen Freiheiten" darstelle. (Die Kraft und das Beharrungsvermögen allerdings, seine Vorstellungen auch in dieser Frage umzusetzen, fehlten ihm: Sein Gesetzentwurf gegen das Lynchen scheiterte im Kongress, nicht zuletzt an der eigenen Partei.)