Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine große Volkspartei Wahlkampf mit kernig antiamerikanischen Parolen geführt. Zum ersten Mal seit 1945 hat ein Bundeskanzler amerikanische Politiker angegriffen und dafür auf den Marktplätzen tosenden Beifall erhalten. Zum ersten Mal hat eine deutsche Ministerin den amerikanischen Präsidenten - wie verklausuliert auch immer - mit Adolf Hitler verglichen.

Die Wahl hat die SPD gemeinsam mit den Grünen knapp gewonnen. Nun kommt die Abrechnung. Wie tief sitzt die Verstimmung der Amerikaner? Was will die Bundesregierung tun, um den Ärger zu dämpfen? Was zählt ihre Stimme noch in der Welt?

Gerhard Schröders Erfolg kommt Konservativen in Amerika vor wie ein böses Erwachen nach einem schlechten Traum. Viele hatten gehofft, Deutschlands Wähler würden ihnen ein transatlantisches Problem abnehmen. Und jetzt? Das Wall Street Journal gibt den Ton der Rechten vor; es warnt vor Einflüsterungen aus Deutschland, denen zufolge es nach einem kleinen "Akt der Reue und Zerknirschung" eine "schnelle Rückkehr zur Normalität" geben werde. Nein, nichts ist vergeben, nichts vergessen.

Das darf niemanden wundern. Mit jedem Tag, mit jedem Wort aus dem deutschen Wahlkampf, hat sich die Krise zugespitzt. Anfang September leuchtete die deutsche Kritik an der amerikanischen Irak-Kritik noch manchem ein. Da war die Regierung Bush gerade durch den Sommer der Irak-Debatte getaumelt, die eigenen Parteifreunde gingen den Präsidenten wegen dessen weltpolitischem Alleingang an. Statt "böse auf Schröder zu sein", schrieb damals die Los Angeles Times, solle die Regierung Bush lieber "den warnenden Worten aus Deutschland zuhören".

Solche Stimmen haben Breitseiten der Kritik Platz gemacht, seit George W. Bush den Weg in die Vereinten Nationen antrat und Gerhard Schröder zugleich den Weg der Selbstisolierung eingeschlagen hat. Niemand in den Vereinigten Staaten - nicht rechts, nicht links - kann verstehen, warum die Deutschen nicht einmal nach einem UN-Beschluss zum Irak mitmachen, zahlen, zustimmen wollen. Da George W. Bush nun SPD-Spitzenpolitiker an Julius Cäsar oder Adolf Hitler erinnert, lautet in Washington die neue Frage: Wie verlässlich ist ein antiamerikanisch gewendetes Deutschland?

Die versöhnlichsten Kritiker sind die liberalen Weltbürger aus dem Universitätsmilieu. Sie sind der Ansicht, die Haltung der deutschen Regierung werde nicht von Dauer sein, zeigen sich aber erstaunt über die pazifistischen Regungen in der deutschen Bevölkerung. Sie sehen ein zweites Japan auftauchen - selbstbezogen, legalistisch, gewaltfern -, mit dem man weltpolitisch nicht rechnen könne. Das sei zwar aktuell hinderlich, ansonsten aber durchaus ein Erfolg amerikanischer Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Militanter Antimilitarismus"