Mörderische Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Geschichte Algeriens. Ein fatales Symbol ihrer Kontinuität ist die Villa Copawi in Lakhadaria, 70 Kilometer östlich der Hauptstadt Algier. Sie diente den Franzosen zu Kolonialzeiten als Folter- und Hinrichtungszentrum. Das algerische Militär nutzt sie heute zu demselben Zweck. Algerien erlebt die gespenstische Wiederkehr seiner unbewältigten Vergangenheit.

Die Folgen des Kolonialkriegs, der 1962 mit dem Rückzug Frankreichs und der Unabhängigkeitserklärung endete, sind noch immer nicht überwunden. Eine vollständige Aufarbeitung der Kriegsgräuel hat nie stattgefunden - nicht zuletzt, weil sich Frankreich bis heute weigert, seine damals begangenen Verbrechen einzugestehen. Aber auch die von der Nationalen Befreiungsfront FLN (Front de Libération National) begangenen Grausamkeiten dieser Jahre konnten nie öffentlich thematisiert werden. Noch immer genießt die antikoloniale Gewalt, die von Intellektuellen wie Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre Anfang der sechziger Jahre zur Geburtshelferin eines besseren, "neuen Menschen" verklärt worden war, den Nimbus einer durch und durch heldenhaften Gegenwehr der Unterdrückten.

Doch die Euphorie nach der endlich errungenen Unabhängigkeit währte nicht lange. Korruption und das Missmanagement der neuen herrschenden Elite führten bald zu wirtschaftlichem Verfall. Hohe Arbeitslosigkeit, Verarmung weiter Teile der Bevölkerung und eine quälende Perspektivlosigkeit für die Jugend waren die Folgen. Ende der achtziger Jahre hatte die regierende FLN das reiche Öl-Land in die Nähe des politischen und ökonomischen Bankrotts geführt. Die Höhe der algerischen Auslandsschulden betrug 27 Milliarden US-Dollar - in etwa die gleiche Summe, die von den herrschenden Eliten auf ihren privaten Auslandskonten angesammelt worden war.

All das war Wasser auf die Mühlen aufstrebender islamistischer Gruppierungen, die nicht nur den Abbau der Arbeitslosigkeit und garantierten Wohlstand für alle Bevölkerungsschichten versprachen - sie wollten die säkulare, sozialistisch und nationalistisch orientierte Republik durch einen "islamischen Staat" ersetzen. In der zunehmenden sozialen Not erfreuten sich islamische Einrichtungen wachsenden Zulaufs. Sie übernahmen anstelle der maroden staatlichen Dienste öffentliche Aufgaben in Bereichen wie Erziehung und Gesundheitsversorgung. 1988 setzte der damalige Präsident Chadli Bendjedid noch Panzer gegen Demonstranten ein, die mehr Demokratie forderten - bei den darauf folgenden Unruhen starben mehr als 500 Menschen. Doch ein Jahr später lenkte der Präsident ein und kündigte die Abhaltung von Neuwahlen an, zu denen zum ersten Mal seit 30 Jahren neben der FLN auch andere Bewerber zugelassen wurden. Dabei waren auch islamische und islamistische Parteien.

Doch dürfen demokratische Freiheiten für die Feinde der Demokratie gelten? Diese Frage stellte sich auf dramatische Weise, als sich bei diesen ersten freien Parlamentswahlen im Januar 1992 ein hoher Wahlsieg der Islamischen Heilsfront (FIS) abzeichnete und die Gründung eines algerischen "Gottesstaates" nicht mehr aufzuhalten schien. In dieser prekären Lage sagte das Regime den Urnengang kurzerhand ab und verhängte am 9. Februar 1992 den Ausnahmezustand. Die algerische Regierung holte den charismatischen ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer Mohammed Boudiaf aus dem Exil zurück und ernannte ihn zum Vorsitzenden des Hohen Staatsrats, des zentralen Machtgremiums des Landes. Dort übten die Militärs den größten Einfluss aus. Doch schon sechs Monate nach seinem Amtsantritt wurde Boudiaf von einem Mitglied seiner eigenen Leibwache ermordet - Militär und Islamisten schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Das algerische Militär, das sich als einziger Garant der bestehenden Ordnung versteht, ging nun immer brutaler gegen islamistische Gruppierungen vor.

Die militante Antwort der Islamisten ließ nicht lange auf sich warten. Islamistischer Terror und staatliche Repression schaukelten sich gegenseitig hoch, bis sie sich nur noch aus den Untaten der jeweils anderen Seite heraus begründeten und bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verschmolzen. Die bewaffneten islamistischen Gruppen bekämpften nicht nur Polizei und Militär, Richter und Journalisten, sondern griffen alle an, die sich ihren religiösen Vorschriften gegenüber unbotmäßig verhielten. Kurz: Zu ihrer potenziellen Zielscheibe wurde das gesamte Volk. In den von ihnen militärisch kontrollierten Gebieten führten sie ein rigides System ein, das Frauen den Schleier aufzwingt, Zigaretten- und Alkoholkonsum bestraft und Zeitung, Radio oder Fernsehen verbietet. Die größte dieser Gruppierungen ist die Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA), die jeden Friedensprozess ablehnt. Daneben gibt es eine Reihe kleinerer, oftmals lokal operierender bewaffneter Gruppen.