Die deutschen Historiker haben zurzeit keine besonders gute Presse. Die Urteile über den letzten Historikertag in Halle waren zuweilen bissig. Die Kommentatoren beklagten Orientierungslosigkeit und den Mangel an Kontroversen, eine große Tageszeitung titelte gar: Bankrotterklärung der Geschichtswissenschaft. Besonders heftiges Kopfschütteln rief der dilettantische Umgang mit dem 11. September hervor. Eine hastig und unprofessionell zusammengestöpselte Podiumsdiskussion, das war's zum Thema. Dabei hatten einige Kollegen dem Vorsitzenden des Historikerverbandes, dem Göttinger Osteuropafachmann Manfred Hildermeier, bereits vor vielen Monaten eine intensive Debatte zu dieser Problematik angetragen - ohne Erfolg. Hildermeier scheint zu glauben, die Geschichtswissenschaft habe dazu eigentlich nichts beizutragen. Willkommen im Elfenbeinturm.

Diese Haltung rief im Vorfeld des Historikertags Hans-Ulrich Wehler auf den Plan. Der inzwischen pensionierte, zu stürmischen Auftritten neigende Großwesir der bundesrepublikanischen Sozialgeschichtsschreibung polterte in der taz, es gebe hierzulande zwar viele Experten für die bayerische Historie, aber keinen Spezialisten für den Nahen Osten. Sogleich entschloss er sich, diese Lücke selbst zu schließen. Von jeglicher Sachkenntnis unbelastet, charakterisierte er den Islam als militanten Monotheismus, "der seine Herkunft aus der Welt kriegerischer arabischer Nomadenstämme nicht verleugnen kann" und konstatierte zudem, Deutschland habe ein "Türkenproblem".

In einem Beitrag für die ZEIT (Nr. 38/02) legte Wehler nach, erinnerte uns warnend daran, dass die Heere des Osmanischen Reiches sogar einmal vor Wien standen, und wies auf die große Gefahr hin, die dem "christlichen Europa" - was immer das sein mag - nach einem EU-Beitritt der Türkei drohen würden (siehe auch Leserbriefe S. 20). Wehlers denkwürdige Ausführungen sind ein extremes Beispiel für einen unter deutschen Historikern durchaus verbreiteten Trend: Das deutsche Bürgertum etwa wird so differenziert analysiert und seziert, dass vom Bürgertum nachher kaum mehr etwas übrig bleibt. Geht es dann mal um die "nicht-westliche Welt", wird das Differenzierungsvermögen nicht selten vorher an der Garderobe abgegeben. Merkt ja auch fast keiner.

Das führt zu einem Kernproblem, zu der in Deutschland bis heute - allen Sonntagsreden zum Trotz - eklatanten Vernachlässigung der außereuropäischen Geschichte. Angesichts einer sich globalisierenden Wirtschaft und Politik brauchen wir jedoch dringend eine globale Geschichtsforschung und -lehre, die sich auch Gegenden außerhalb Europas öffnet. An Appellen, das Fach zu erweitern, hat es in den vergangenen 15 Jahren übrigens durchaus nicht gefehlt. Irgendwie sind sich alle einig, dass wir, um die Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog auf dem Münchner Historikertag 1996 zu zitieren, "viel mehr Geschichtswissenschaftler [bräuchten], die sich mit Lateinamerika, Asien, Afrika, ja selbst Nordamerika beschäftigen". Allein, an der Umsetzung hapert es gewaltig. Die Abendlandfixierung des deutschen Historismus wirkt ungebrochen fort.

Dieser Befund lässt sich leicht anhand der Stellentableaus historischer Institute illustrieren. Anders als in den USA, England und Frankreich leisten sich bei uns nur die wenigsten Universitäten den vermeintlichen Luxus explizit ausgewiesener Positionen für die Historie Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und des Nahen Ostens. Erfurt setzt hier neuerdings Maßstäbe, auch immer noch Hamburg, trotz der Streichung der Professur für Nahostgeschichte. Ansonsten: kleine Inseln hier und da. In ganz Deutschland wird es bald nur noch zwei Professuren für südasiatische Geschichte geben - geradezu grotesk angesichts der immensen Bedeutung des indischen Subkontinents. Zum Vergleich: In größeren Seminaren wie Münster und Hamburg sind jeweils allein drei Professuren der mittelalterlichen Geschichte gewidmet. In benachbarten Fächern sieht es ähnlich aus: An der Freien Universität in Berlin verschwand der bundesweit einzige ausdrücklich Afrika gewidmete Politiklehrstuhl bereits vor vielen Jahren im Orkus von Sparmaßnahmen und Umwidmungen; der Professur für Politik im Nahen Osten droht dort das gleiche Schicksal.

Doch wie sollen angehende Historiker unter diesen Umständen ausgebildet werden für die sich rasch "globalisierenden" Berufsfelder in den Medien oder im Kulturmanagement? Die in den Vereinigten Staaten so populäre und an vielen Universitäten in den Curricula fest verankerte "Welt-" beziehungsweise "Globalgeschichte" findet hierzulande - Hannover ist hier eine löbliche Ausnahme - ebenfalls so gut wie nie Eingang. Dem Historiker-Mainstream gilt sie nach wie vor entweder als Rückfall in eine antiquierte Universalgeschichte oder als dilettantisches Schwadronieren auf der Metaebene. Dabei lehrt gute Globalgeschichte etwa, dass sich Kultur - anders als Samuel Huntington es unterstellt - nicht als organisches Ganzes mit klaren Grenzen definieren lässt, sondern als ein Austausch- und Aneignungsprozess, als immer wieder neu auszuhandelnde Übereinkunft über das Eigene und das Fremde, das, was richtig, und das, was falsch ist.

Das Fremde fällt unter Ethnologie