Ein blauer Brief auf rosa Wölkchen: Schwebt da ein adrettes Brüsseler Wahlsieggeschenk zu Gerhard Schröder und Hans Eichel? Was haben sie sich in Berlin in den vergangenen Monaten vor dem blauen Brief aus Brüssel gefürchtet: ausgerechnet Deutschland durchgefallen, gescheitert an den Kriterien des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts, den 1996 Helmut Kohl und Theo Waigel gegenüber den unsicheren Euro-Kantonisten durchgedrückt hatten.

Jetzt das: Die EU-Kommission, zur Wächterin über nationale Haushaltsdisziplin bestellt, wird bestenfalls ein wundermildes Mahnschreiben nach Berlin senden. Mehr noch, sie will zugleich die Grundregeln des Paktes - nun, wie soll man sagen: aufweichen? So schimpfen die Kritiker. Anpassen? Das sagt die Kommission.

Tatsache ist: Gleich vier Euro-Mitglieder drohen gegen europäische Stabilitätsziele zu verstoßen. Portugal hat die erlaubte Höchstgrenze für die staatliche Schuldenwirtschaft - das Defizit darf nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen - im vergangenen Jahr schon überschritten, Deutschland dürfte dieses Jahr folgen, Frankreich und Italien sind auf bestem Wege dorthin. Und: Diese vier werden auch das Ziel, mit einem ausgeglichenen Haushalt zu arbeiten, später als ursprünglich versprochen, erreichen. In diesem Punkt signalisiert die Kommission Entgegenkommen: Aufgrund der schwachen Konjunktur darf dieses Ziel vertagt werden.

Kniffliger sieht es bei der 3-Prozent-Defizitgrenze aus. Das Limit zu überschreiten sei zwar nicht erlaubt, gibt die Kommission zu erkennen, aber sie will es zumindest vorübergehend hinnehmen - sofern die Betroffenen ihren Kurs umkehren und mindestens das strukturelle (also von konjunkturellen Einflüssen bereinigte) Defizit um 0,5 Prozent des Inlandsproduktes verringern. Kurz: Der Sünder muss Buße tun und zusehen, dass er schnell wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehrt. Ist das nun Brüsseler Kasuistik, gestrickt nach dem alten Witz, wonach zwar das Rauchen beim Beten verboten, wohl aber das Beten beim Rauchen erlaubt ist?

Vielleicht, aber die Brüsseler reagieren richtig. Wenn unter den zwölf Euroländern gleich vier, und darunter drei der gewichtigsten, mit dem Regelwerk nicht mehr zurechtkommen, davon eingezwängt und eingeschnürt und darüber politikunfähig zu werden drohen, dann darf man, muss man schon grundsätzlich nachdenken dürfen.

Erstens verfehlen die vier Sünder heute wie in naher Zukunft nun einmal ihr Wachstumsziel und somit einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt. Das ist das resignative Element im neuen Brüsseler Denken. Zweitens: Auch ein Hans Eichel muss weiter das gemeinsame Ziel anstreben; immerhin acht Euro-Mitglieder haben es bereits geschafft und den Staatshaushalt ausgeglichen. Das ist das disziplinierende Element. Wenn Eichel & Co nun doch (vorübergehend) dürfen, so sollen sie zugleich müssen: Sobald sich das Wachstum wieder einstellt, haben die Freigänger bei Strafe das Versäumte umso zügiger nachzuholen. Drittens das prinzipielle Argument: Die Brüsseler Kontrolleure halten am Jahr 2006 als spätestem Zeitpunkt für einen Haushaltsausgleich fest, und das für alle Euroländer. Die Kommission will das schwarz auf weiß von allen unterschrieben sehen - eine Selbstverpflichtung, die von ihr Jahr für Jahr geprüft und beurteilt wird. Und wer von nun an jenen kleinen Spielraum unter der Hand für irgendein Konjunkturspielchen außerhalb echter Krisenzeiten ausnutzen will, soll die Rute des Stabilitätspakts wie vorgesehen zu spüren bekommen und Buße in Millionenhöhe zahlen.

Die Vertreter der orthodoxen Lehre mögen in dem bisschen Freiheit den Sündenfall und Anfang vom Ende des Stabilitätspakts sehen. Die Verfechter der resignativen Vernunft - "Es geht halt nicht anders" - hingegen können darauf verweisen, dass der Geist des Paktes respektiert, ja sein Buchstabe sogar gehärtet wird. Das Brüsseler Geschenk für die Sieger in Berlin ist ein Auftrag ganz im Sinne der Wähler.