Es kann einem dieser Tage in Berlin passieren, dass man beim schwungvollen Verlassen der S-Bahn sein Fahrrad einem hoch gewachsenen Herrn mittleren Alters in die Beine schiebt, der sich bei näherem Hinsehen als der große amerikanische Schriftsteller Richard Ford herausstellt. Er ist ja durch die rührige Verlagswerbung hinreichend bekannt. Da man nun aber von der Lokalpresse seit Wochen darauf vorbereitet wurde, dass Berlin im September zur Welthauptstadt der Literatur werden würde, fragt man sich nach dem Beinahe-Zusammenstoß mit Richard Ford plötzlich, ob der höfliche Inder vorhin im Zwölf Apostel vielleicht Herr Ananthamurthy war. Der arabisch aussehende Mann, mit dem er zu Tisch saß, hatte doch recht eigentlich eine frappante Ähnlichkeit mit Tahar Ben Jelloun - und der perfekt Englisch sprechende Chinese wäre dann womöglich der berühmte Bei Dao?

In diesen Wochen sind solche Überlegungen in Berlin alles andere als absurd. Die Schriftstellerdichte in der Berliner Stadtbahn drastisch erhöht zu haben, das ist das Verdienst eines einzelnen Mannes: Ulrich Schreiber, des Erfinders und Organisators des Internationalen Literaturfestivals Berlin, das in diesem Jahr wider alle Wahrscheinlichkeit zum zweiten Mal stattgefunden hat. In Zeiten brutalstmöglicher Sparhaushalte hat Berlin nun dank dieses Mannes eines der interessantesten Literaturfestivals der Welt bekommen. Schon zur Halbzeit des zwölftägigen Programms konnte man mit 7700 Besuchern einen größeren Zulauf vermelden als beim ersten Mal während der Gesamtdauer des Festivals. Um die 300 Veranstaltungen mit 154 Schriftstellern aus aller Welt waren es am Ende, die dem hauptstädtischen Publikum geboten wurden, einem Publikum, das - gesegnet mit drei Literaturhäusern - in dieser Hinsicht nicht gerade unterversorgt ist.

Dies hier ist aber etwas anderes: nicht einfach eine zusätzliche Reihe von Events, sondern ein echtes Festival, mit der entsprechenden fröhlich-hysterischen Lagerstimmung. Viele Autoren bleiben gern über mehrere Tage, viele Zuschauer kommen immer wieder. Man bildet eine eingeschworene Gemeinde. Die ungeheure Dichte der Veranstaltungen, die Überfülle des Programms erfüllen hier einen guten Zweck: Sie erzeugen eine Intensität, die auf alle Beteiligten, Publikum wie Literaten, anfeuernd wirkt. Da schadet es überhaupt nichts, wenn manche Programmpunkte ein wenig beliebig wirken und insgesamt die große Linie vorgegeben wird. Jeder darf sich hier aufgefordert fühlen, seine eigenen Linien zu ziehen, wenn es ihn danach verlangt.

Als Ulrich Schreiber für die kühnen Pläne zu werben begann, hielten Skeptiker ihm entgegen, Berlin mangele es nicht gerade an Kulturevents. Niemand wird ihm nun mehr mit solchem Defätismus kommen. Publikum und Autoren sind gleichermaßen begeistert von Schreibers Konzept, das ja eigentlich ein Nichtkonzept ist: Man lässt einfach eine Jury von Literaturliebhabern aus aller Welt - von Holland bis Simbabwe, Australien bis Tunesien, China bis Mexiko - ihre Lieblingsautoren einladen. Darunter können dann bekannte Namen sein, vor allem aber geht es um solche, von denen diese Juroren meinen, dass wir sie unbedingt kennen lernen sollten.

So konnte man dann zum Beispiel mit der albanischen Lyrikerin Lluljeta Lleshanaku Bekanntschaft machen, die sich an der Poesie der Amerikaner Robert Creeley und John Ashbery orientiert (und Letzteren auch ins Albanische übersetzt hat). Man hatte an einem anderen Abend die schwere Wahl zwischen dem Libanesen Elias Khoury, dem Franzosen Robert Bober und dem Bosnier Dzevad Karahasan zuhören, die jeweils aus ihren Werken lasen.

Karahasan, der nicht nur als Romancier, sondern auch als Essayist zu Ruhm gekommen ist, hatte auch schon den Eröffnungsvortrag gehalten, in dem es um den Krieg der Kulturen und Wege zu seiner Befriedung gegangen war. Wenn ein Bürger Sarajevos über diese Dinge spricht, der zugleich ein literarischer Weltbürger ist, dann ist das eine willkommene Erinnerung daran, dass sich unsere Debatten nicht bloß in dem virtuellen Raum der Feuilletons, Akademien und Symposien abspielen.

Ein Festival, das in der Zeit um den 11. September stattfindet, kommt nicht um einen hohen Debattengehalt herum: Verdienstvollerweise wurde auf das Versöhnungs- und Dialoggequatsche weitgehend verzichtet und mit Köpfen wie Tariq Ali, Abdelwahab Meddeb, Bernard Henri-Lévy und Daniel Cohn-Bendit und auf intellektuelle Schärfe gesetzt. Den Gegenpol zu solchen hoch politisierten Podien bildeten Veranstaltungen wie die Poetry-Nights, bei denen Autoren Gedichte aus ihren Originalsprachen lasen, bevor Schauspieler dem Publikum eine Übersetzung vortrugen. Die Stimmung bei diesen bis spät in die Nacht gut besuchten Lesungen glich einem Jazzfestival. Als Christa Wolf im Berliner Ensemble, dem Hauptveranstaltungsort, aus ihrem neuen Buch las, konnte es sogar scheinen, als wäre die ausgelassene Atmosphäre auf den sonst eher gottesdienstartigen Charakter der Wolfschen Auftritte übergeschwappt. Das Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt mit vorwiegend jungen Leuten deutlich unter 30 Jahren.