Das sei das Wichtigste, findet James Auger: "Alles muss professionell präsentiert werden, extrem gut recherchiert und plausibel sein." Zum Beispiel die Geschichte mit dem Telefon im Zahn. Bei dem derzeitigen Fortschritt der Miniaturisierung kann sich das jedermann ohne weiteres vorstellen. Und die zugrunde liegende Technik funktioniert auch. Über den Kieferknochen wird Schall direkt an das Gehörzentrum weitergeleitet. Zweifler lässt Auger auf einen Sender in Form eines elektrischen Rührstabs beißen. Außenstehende hören gar nichts, in der Mundhöhle vibrieren die Zähne, im Schädel erklingt Musik.

Vor einem Jahr also entwarf Auger, damals noch Student im Fach Produktdesign, das Modell eines Zahnhandys. Im Londoner Royal College of Art präsentierte er einen zwölf Zentimeter hohen, durchsichtigen Backenzahn aus Plexiglas, in den ein Stück Computerplatine implantiert war. Richtig telefonieren könnte man damit zwar nicht, im Gebiss lassen sich lediglich Gespräche empfangen. Auch müsste man ein herkömmliches Mobiltelefon in der Tasche tragen, das per Funk mit dem Empfänger im Mund in Verbindung stünde. Dennoch, theoretisch wäre das Zahntelefon möglich. "Für die Kinder ist das reine Magie", sagt Auger, "die Erwachsenen aber bleiben skeptisch." Für sein Zahnhandy gewann der Designer einen Preis. Das Exponat steht jetzt im Londoner Science Museum.

Die Provokation hat funktioniert

Inzwischen ist der 32-Jährige nach Dublin umgezogen und bei Media Lab Europe (MLE) angestellt, einem Ableger der berühmten amerikanischen Ideenschmiede MIT Media Laboratory. Dort sitzt Auger in einem ehemaligen Hopfenspeicher der Guinness-Brauerei in einem weitläufigen Loft mit hohen, unverputzten Backsteinwänden und denkt sich die Technik von morgen aus. Als sein neuer Arbeitgeber kürzlich erneut die Nachricht von der Entwicklung des Zahnhandys verbreitete, war die Reaktion gewaltig. Rund um den Globus berichteten die Zeitungen, und in Dublin klingelte pausenlos das Telefon. "Was ist, wenn eine Agentur meine Nummer herausbekommt und mir dauernd Werbung ins Hirn funkt?", fragte ein besorgter Anrufer, und ein Arzt begründete ausführlich, warum besonders Kinderhirne von der indirekten Schallübertragung gefährdet seien. CNN ließ gar im Internet über den Einsatz des High-Tech-Implantats abstimmen: 46 852 Teilnehmer waren dagegen, nur 7879 dafür.

Ein vernichtendes Ergebnis für einen Produktdesigner - doch nicht für James Auger. Der Visionär lächelt milde, fläzt sich in einen Bürostuhl, faltet die Hände über dem Schoß zusammen und sagt: "Die Provokation hat doch bestens funktioniert." Ihm sei es schließlich nie um die Realisierung der extravaganten Körperaufrüstung gegangen. "Ich wollte nur eine Diskussion anstoßen, und ich wollte wissen, wie weit Menschen mit ihrem Körper gehen würden", sagt er. Über die massenhafte Ablehnung ist er erleichtert, zeigt sie doch, dass die Menschen nicht alles mit sich machen lassen.

Auch im Media Lab Europe unterwirft man sich nicht dem Takt der Technik, sondern pflegt lieber das Allzumenschliche. Im Erdgeschoss spielen ein paar Produktentwickler und -designer neben einem rustikalen Guinness-Tresen Tischfußball und Billard. Und in Augers Zimmer steht ein grasgrüner Tisch, auf dem ein Kollege mit kleinen Spielzeugsoldaten eine Schlachtszene um Augers Motorradhelm arrangiert hat. "Normalerweise wird der soziale und kulturelle Kontext bei der Entwicklung von Produkten kaum berücksichtigt", doziert Auger und ärgert sich darüber, dass sich kaum jemand über die Nebenwirkungen der Technik Gedanken macht: "Ich unterhalte mich mit jemandem und werde vom klingelnden Handy unterbrochen. Das ist doch unsozial!" Auger selbst besitzt seit seinem Umzug nach Dublin kein Mobiltelefon mehr: "Wer mich erreichen will, der schafft das auch."

Auf dem Holzfußboden klingelt es leise. Auger blickt kurz auf das Display seines Telefons, hebt aber nicht ab. "Ich verdamme die Technik nicht", sagt er, "sondern ich fordere einen sensiblen Umgang damit." Heute dienten Innovationen doch vor allem der Effizienzsteigerung - dem will Auger sich nicht anschließen. Man stelle sich vor, ein Handy im Zahn! Broker lassen sich selbst beim Golfspielen mit Aktienkursen berieseln, Angestellte werden zu funkgesteuerten Marionetten ihres Bosses - und der Austausch zwischen Menschen bleibt auf der Strecke. Dabei gebe es doch nichts Reicheres als diesen Austausch, schwärmt Auger.