Im Museum, gegenüber dem Schweriner Schloss, wird derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung gezeigt. "Kinetische Kunstwerke" aus Italien sind dort zu sehen. Bilder und Objekte, die sich verändern, je nachdem, aus welchem Winkel der Betrachter sie anschaut. Eine farbige Fläche beginnt plötzlich zu vibrieren, geht man an ihr entlang; eine eckige Form scheint sich zu runden, bewegt man sich an ihr vorbei. Die Wahrnehmung täuscht eine andere Wirklichkeit vor. Was in der Kunst interessant und erregend ist, kann in der Politik ziemlich grausam sein. Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) hat am Sonntag erfahren, wie weit Wahrnehmung und Wirklichkeit oft auseinander klaffen. Anders als erhofft, wird sie im Bundestag nur noch durch die beiden Ostberliner Direktkandidatinnen Gesine Lötzsch und Petra Pau vertreten sein. Allerorten läuten der Partei bereits die Totenglöckchen.

Auch bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern verlor die PDS dramatisch an Stimmen, immerhin 8 Prozent. Fassungslos müssen die Postkommunisten erkennen, dass ihnen nach vier Jahren Rot-Rot in Schwerin all das angelastet wird, was man den Sozialdemokraten nicht nachträgt: die nach Sachsen-Anhalt zweithöchste Arbeitslosigkeit im Osten, die nicht anspringende Konjunktur und die enormen Abwanderungsraten. Dass die Arbeitslosenzahlen wenigstens nicht angestiegen sind, sondern stagnieren, gilt in einem Land wie Mecklenburg- Vorpommern schon als Erfolg. Genutzt hat das jedoch nur der SPD. "Wir haben unseren Anteil an der Regierungsarbeit nicht deutlich machen können", lautet das ernüchterte Fazit von PDS-Arbeitsminister Helmut Holter am Wahlabend. Die SPD dagegen steht als glänzender Sieger da. Mit 40,6 Prozent stellt sie erneut die größte Fraktion im Landtag. Immerhin 45 000Mecklenburger PDS-Wähler haben dieses Mal SPD gewählt. In erster Linie entschieden sie sich für den SPD-Ministerpäsidenten Harald Ringstorff. Der stapft am Wahlabend von Interview zu Interview und wiederholt stoisch Worte wie"konsequent", "solide" und "pragmatisch", wenn er seine Politik beschreibt. So geräuschlos wie möglich hat er seine Koalition geführt; wohl wissend, dass man in Berlin sehr genau auf die erste SPD/PDS-Koalition in einem östlichen Bundesland Acht geben würde. Seinen Vize Holter hielt Ringstorff an der Leine, mal kürzer, mal länger. Selbst einen Koalitionsbruch, den Ringstorff mit seiner Zustimmung zur Rentenreform im Bundesrat beging, nahm die PDS am Ende hin.

Schweriner Feldversuch

Nach einer schwarz-gelben (1990 bis 1994) und einer Großen Koalition (1994 bis 1998) sahen die Mecklenburger jetzt offenbar wenig Grund, nach dem Gesetz der Serie zu handeln und das Pferd nach vier Jahren schon wieder zu wechseln. Zwar schätzen 90 Prozent der Wähler die Lage als schlecht ein, besonders die auf dem Arbeitsmarkt. Trotzdem sprachen sich 58 Prozent gegen einen Regierungswechsel aus. Tenor: Was man hat, das hat man. Was danach kommt, muss noch lange nicht besser sein. Typisch Mecklenburg. Es blieb bei Rot-Rot - und bei Harald Ringstorff. Der hatte mit dem Slogan "Die Kraft des Landes" für sich und die SPD geworben und war damit erfolgreich. Zwei von drei Wählern halten ihn für einen "guten Ministerpräsidenten". Von solchen Werten können Vize Helmut Holter und seine PDS nur träumen.

Aber so ist das manchmal mit der Differenz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung. 25 Prozent plus x hatten die Postkommunisten im Nordosten angepeilt, bekommen haben sie 25 Prozent minus XXL. Galgenhumor. Von ihren 20 Sitzen im Landtag verlor die Partei 7. Nicht weniger als ein Wunder hatten sich viele PDS-Wähler offenbar von ihrer Partei erhofft. Doch das Wunder auf dem Arbeitsmarkt ist ausgeblieben. Bei dem "Schweriner Feldversuch", so der Rostocker Politikwissenschaftler Professor Nikolaus Werz, musste die PDS wegen dieser enttäuschten Heilserwartungen "Federn lassen". PDS-Wähler wollen einfach nicht, dass ihre Partei eine ganz normale Partei ist. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass es auch unter einem PDS-Arbeitsminister Helmut Holter Mauscheleien und Machtmissbrauch gibt. Das nehmen diese Wähler besonders übel.

Einen Ausreißer könnte die PDS verkraften. Doch Mecklenburg-Vorpommern ist kein Einzelfall. Die PDS fiel nicht nur im Nordosten ab. Die selbst ernannte Ost-Partei erlebte in allen neuen Bundesländern einen regelrechten Absturz. Massenhaft liefen die Wähler zu den Sozialdemokraten über. 300 000 von ihnen entschieden sich für Gerhard Schröder statt für Gabi Zimmer. In Thüringen gingen 9 von 10 Direktmandaten an die SPD, in Sachsen und Brandenburg alle.Die Gründe für den Einbruch der PDS liegen eben nicht allein in der geschickten Wahlkampftaktik Schröders, in dessen Äußerungen gegen einen Irak-Krieg und seinem Agieren während der Flut. Sie sind hausgemacht. Als Gabi Zimmer die Losung ausgab "Stoiber verhindern - PDS wählen", hat sie die Interessen ihrer Anhänger verkannt und quasi Wahlkampf gegen ihre Klientel gemacht. Denn 70 Prozent der PDS-Anhänger wollten Rot-Rot-Grün im Bund. Doch diese Option hatte Schröder mit der Ablehnung der PDS ausgeschlossen. Also stimmten auch die Sympathisanten, um Stoiber zu verhindern, gegen die PDS - für Rot-Grün.

Zur Beliebigkeit verkommen