Teufels Kreislauf – Seite 1

Was Taubes damals als Schrecken an die Wand malte, ist für René Girard, einen der bedeutendsten Religionsphilosophen der Gegenwart, längst trostlose Wirklichkeit geworden. Ein spirituell entspannter Zeitgeist leugne den Unterschied zwischen antikem Mythos und monotheistischer Religion; ob kannibalistisches Gelage oder Abendmahl, Heidentum oder Christentum - dem postmodernen Bewusstsein "gilt alles als rein mythisch", und so "kauft jeder im Supermarkt des Religiösen das, was ihm zusagt". Alle Religionen gelten als Fiktion, alle als different, und die eine für "wahrer zu halten als die andere wäre ebenso absurd", wie einen Roman von Flaubert als wahr oder unwahr zu bezeichnen. "Diese Auffassung bezaubert die heutige Welt."

Mit dieser Gleichgültigkeit, die überall nur Differenzen, aber keine Wahrheit sieht, will sich Girard in seinem 1999 in Frankreich erschienenen Buch Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz nicht abfinden. Er möchte das ungläubige Publikum davon überzeugen, dass die jüdisch-christliche Religion einen Bewusstseinssprung darstellt, den wir heute, zweitausend Jahre später, nur um den Preis "neuheidnischer Regression" und wachsender Gewalt verleugnen können. Dieser Bewusstseinssprung, diese unendliche Differenz zwischen den alten Mythen und der Bibel, zeige sich aber erst, wenn man sich ihre spektakulären Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen vor Augen hält. So ist die Erfahrung realer historischer Gewalt und realer "Ausstoßung" allen gemeinsam; sowohl der griechische Mythos wie auch die hebräische Bibel entwerfen ein düsteres Tableau menschlicher Grausamkeit und Kälte. Sogar die Konfliktmuster sind auf dramatische Weise identisch, vor allem der dreistufige Teufelskreislauf aus Krise, Kollektivgewalt und religiöser Epiphanie. In diesem Zirkel ahmt der eine die Gewalt des anderen nach; Anfangsgewalt und Antwortgewalt steigern sich zu einem mimetischen Furor, der in einen unkontrollierbaren Gewaltexzess umzuschlagen droht, in einen Krieg "Alle gegen alle". Es werfe nur einer den ersten Stein ...

Der blutige Zirkel der Gewalt

Diese "mimetische Gewalt", so lautet bekanntlich Girards Schlüsselbegriff, ist in der mythischen wie in der biblischen Welt eine allgegenwärtige Drohung. Wo immer Menschen, diese nachahmenden Tiere, zusammenkommen, lauert der satanische Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt, Tat und Vergeltung. Deshalb sind die Mythen ebenso wie die biblischen Erzählungen eine Lehre vom Menschen. Sie sagen die Wahrheit über seine grausam verworrene, im Wiederholungszwang erstarrte Welt, in der Satan, das Prinzip der nachahmenden und ansteckenden Gewalt, immer wieder "vom Himmel stürzt".

Doch damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen archaischem Polytheismus und hebräischer Bibel - und der Blick wird frei auf die grandiose Zäsur, die das Judentum ins Werk setzt, auf seine "einzigartige" Leistung, mit der es die spirituelle Grausamkeit der Antike unterwandert und den Zirkel aus Gewalt und Vergeltung durchbricht. Denn in den mythischen Erzählungen findet die "rasende" Menge erst dann ihren Frieden, wenn sie, Gewalt gegen Gewalt, einen Sündenbock schuldig spricht und dämonisiert. In der Tötung des Sündenbocks schlägt das "Alle gegen alle" um in das "Alle gegen einen". Die aufgestaute Gewalt entlädt sich, das Opfer wie auch die Gewalt werden heilig gesprochen.

Mit diesem grausamen Opfermechanismus bricht die Bibel, und zwar mit einer Radikalität, die Girard zu rühmen nicht müde wird. Der Unterschied zu den archaischen Mythen sei so groß, dass er "größer gar nicht sein könnte". Subversiv ist die Bibel, weil sie weltgeschichtlich zum ersten Mal das "abscheuliche" Opferprinzip infrage stellt und den Vergeltungscharakter der Mythologie ebenso verurteilt wie die Konfliktlösung durch einen kultischen Lynchmord. Die Bibel "entgöttlicht die Opfer und entviktimisiert das Göttliche". Weder aus der Gewalt der Menge noch aus dem Opfer leitet die Bibel etwas Göttliches ab - und darin besteht der Abgrund, der den anschwellenden Bocksgesang des Mythos von der versöhnenden Botschaft der Bibel trennt. "Es ist die Differenz zwischen einer Welt, in der die willkürliche Gewalt unerkannt triumphiert, und einer Welt, in der ebendiese Gewalt aufgespürt, angeprangert und schließlich vergeben wird."

Was der Mythos als heroische Tat feiert, begreift die Bibel als Sünde. Laios und Jokaste, schreibt Girard, hatten in der mythischen Logik gute Gründe, sich ihres Sohnes zu entledigen, und die Thebaner haben ebenfalls gute Gründe, sich ihres Königs zu entledigen. Nur in der Bibel ist es "umgekehrt: Joseph, der Verstoßene, hat Recht gegen seine Brüder", und er hat "ein zweite Mal Recht gegen die Ägypter, die ihn ins Gefängnis werfen". Auf die Frage, ob es der Held verdient, vertrieben zu werden, antworte der Mythos stets mit ja, die Bibel stets mit nein. Der Gott des Monotheismus ist der Gott der Opfer und nicht, wie im Mythos, der Gott der Verfolger.

Teufels Kreislauf – Seite 2

Im Neuen Testament ist es das Kreuz, das die heidnische Mythologie der Gewalt entzaubert - und zwar, so sieht es Girard, in einem durchaus rationalen, auch für Nichtgläubige plausiblen Sinn. Jesus bringt ein Opfer gegen das Opfer und beweist am eigenen Leib, dass die Schuldigen unschuldig sind. Er zerstört den Mythos von der Zeitlosigkeit der Gewalt und den Aberglauben, der Teufel ließe sich nur durch sich selbst, durch teuflische Gewalt austreiben. So wird mit Jesus der archaische Opfermechanismus ans Kreuz geheftet und der "Bedeutungslosigkeit" preisgegeben. Im Selbstopfer "offenbart" sich der "gewalttätige Ursprung" aller weltlichen Macht, ein Gewaltmoment, das "verborgen bleiben muss", damit ihre Paläste nicht einstürzen.

Allerdings, wenn das Regime der Gewalt ende, beginne nicht zwangsläufig der ewige Frieden. Jesus, schreibt Girard, bringt das "Schwert", oder in unserer Sprache: Er bringt die Krise. Denn in dem Augenblick, wo der heidnische Sündenbockmechanismus aufgebrochen ist und soziale Verwerfungen nicht mehr auf Unschuldige abgewälzt werden, müssen "Ärgernisse" im Netz von Schuld und Verantwortung aufgelöst werden. Dabei kommt der "Fürst der Finsternis", die ansteckende, sich steigernde Gewalt, immer wieder durch ein anderes Schlüsselloch, und die Eskalationsdynamik von Konflikten muss stets aufs Neue zum Stillstand gebracht werden. Das Begehren der Gewalt ist der Teufel, die Versöhnung aber der anwesende Gott.

Wenn es also einen Schatten gibt, der die christlich-jüdische Botschaft von Anfang an begleitet, dann ist es die "neuheidnische Versuchung", Konflikte auf archaische Weise zu lösen und den Opfermechanismus, die Suche nach dem Sündenbock, erneut in Gang zu setzen. Der Sirenengesang des "Neuheidentums" lockt mit dem Versprechen, die Menschen könnten das Netz aus Schuld und Verantwortung, Moral und Gewissen zerreißen; er verheißt das Ende der Strenge und den souveränen Selbstgenuss des unverantwortlichen Subjekts.

Das berüchtigtste Beispiel für eine solche "ethische Suspension" sei Nietzsche gewesen (und nach ihm Heidegger). In Nietzsches Spätphilosophie, die den Monotheismus der "Sklavenmoral" und des "Ressentiments" bezichtigt, stecke der "geistige Kern" des Nationalsozialismus. Doch am Ende seines Lebens, so lautet Girards verblüffende These, habe Nietzsche den Monotheismus wider besseres Wissen verachtet. Insgeheim habe er längst die Wahrheit der jüdisch-christlichen Botschaft entdeckt und erkannt, was den mythischen "Dionysos vom Gekreuzigten trennt". Weil die Gewalt dieser Einsicht das Fundament seiner Lebensphilosophie hätte zerbersten lassen, musste Nietzsche sie vor sich selbst verbergen - in den Masken des Wahns.

Es sind diese Passagen, in denen Girard einen regelrechten Affekt gegen ("postmoderne") Philosophen entwickelt, denen der antike Mythos so wahr ist wie die Botschaft des Einen Gottes. Zwar sei die christliche "Sorge um das Opfer" tief ins Weltbewusstsein eingewandert und könne daraus nicht vertrieben werden, aber dennoch sieht Girard das biblische Erbe von Feinden oder, genauso schlimm, von gleichgültigen Freunden umzingelt: von den Kirchen selbst, die, mit dem "Klerus an der Spitze", scharenweise ins Lager des bunten Pluralismus überlaufen; ganz zu schweigen von der antijudaistischen Rechten, die von Gewalt nie genug bekommt, oder jener Linken, die sogar in den Zehn Geboten den Fingerabdruck lebensfeindlicher Mächte entdeckt. In allen Formen der Verdammung, linken wie rechten, stecke ein tief sitzender antimonotheistischer Affekt; nach dem Holocaust wage es niemand, den Juden die Schuld am modernen Unglück anzulasten, deshalb sei heute "das Christentum zum Hauptsündenbock" avanciert. "Der Neopaganismus will die Zehn Gebote und die gesamte jüdisch-christliche Moral als inakzeptable Gewalt erscheinen lassen, und ihre Abschaffung ist sein erstes Ziel."

Mag sein, dass sich Girard mit solchen Attacken gegen Vereinnahmungen wehrt, denen sein berühmtes Buch Das Heilige und die Gewalt ausgesetzt war. Gerade die deutsche Rezeption hatte Girard anfangs zwischen einem rechtsgedrehten Bataille und einem mit Carl Schmitt gelesenen Foucault postiert und zum Belastungszeugen gegen die "Herrschaft" des Monotheismus aufgerufen - gleichsam als Fachkraft für die archaischen Depots von Hass und Gewalt. Gegen solche poststrukturalistischen Verdrehungen wehrt sich Girard zu Recht. Andererseits weicht er der Frage aus, warum eine Religion, die so großartig das Geheimnis der mythischen Opferlogik entschleiert hat, eine geschichtliche Gewalt beförderte, die abzuschaffen sie bis heute behauptet. Sollte es doch der platonische Rest sein, der die Kirchengeschichte in Herrschaftsgeschichte hat umschlagen lassen? Unklar bleibt bei Girard auch, in welcher Beziehung die "Wahrheit" des Christentums zum Politischen steht und worin die "Sorge um die Opfer" ihren institutionellen Niederschlag findet. In den Rechtsstrukturen? In den Mitteln einer, wie es vage heißt, "globalen Moderne"? Wenn ja, dann wären es ausgerechnet die geschmähten dekonstruktivistischen Autoren, die darüber aufklären könnten, warum die Weltgesellschaft strukturell Opfer produziert, denen gegenüber die christliche "Sorge" in pastoraler Ohnmacht erstarrt.

In der religionsphilosophischen Fachdiskussion werden Girards faszinierende Korrekturen ihre Wirkung nicht verfehlen. Sie hindern die Verzagten daran, ihr wissenschaftliches Seelenheil in der pluralistische Ermäßigung biblischer Traditionen zu suchen. Unvereinbar sind sie mit den konservativen Spielarten einer Politischen Theologie à la Carl Schmitt, während sie der Neuen Politischen Theologie eines Johann Baptist Metz weit entgegenkommen. Darüber hinaus ist Girards Buch ein schöner Wegweiser für evangelische Akademien, die im Vollgefühl ihrer theologischen Obdachlosigkeit mit Esoterik auf Kundenfang gehen. Dasselbe gilt für eine Öffentlichkeit, die sich von nachchristlichen Menschenparkfantasien verführen lässt, oder von verirrten Bodenseedichtern, die die Artenvielheit germanischer Götter besingen und im jüdisch-christlichen Erbe nichts anderes entdecken als eine Herrschaftsform, die uns daran hindert, in die tragische Fülle des opferreichen Lebens einzutauchen.

Teufels Kreislauf – Seite 3

René Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz
Eine kritische Apologie des Christentums. Mit einem Nachwort von Peter Sloterdijk; aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh; C. Hanser Verlag, München 2002; 258 S., 21,50 €