Ein Stück wie Pacific 231, diese rundum vibrierende Eisenbahnmusik, konnte nur einer komponieren, der Lokomotiven liebte und ein gesundes Verhältnis zur Welt jenseits des Klavierzimmers besaß. Stubenhockern wäre es misslungen, weil selbst die schönste Fantasie nicht an die reale Anschauung der technisch entfesselten Bewegung heranreicht. Arthur Honegger (1892 bis 1955) war im Jahr 1923 der ideale Mann für einen Hymnus auf die Macht der Maschine. Er war selbst trainierter Sportler, liebte Dynamik und Disziplin und bevor er auf seinen wöchentlichen Fahrten von Le Havre nach Paris in eine Eisenbahn stieg, schritt das Mitglied der legendären Groupe des Six zur Lokomotive und strich ihr anerkennend über die Backen. Dann ließ er sich davontragen - "mit physischem Genuss". Damit die Motoren nicht nur in eine Richtung unterwegs waren, komponierte Honegger ein paar Jahre später Rugby, eine anspringende Etüde über Angriff, Gegenattacke und manche Blessur. Es geht hoch her, Honegger kannte sich aus.

Doch 1934 hatte er einen schweren Autounfall, lange saß er am Krankenbett seiner Frau, und nichts war mehr wie zuvor. Dahin die Lust am Athletischen, verflogen das Vergnügen an Geschwindigkeit und dem Rausch des Materiellen, der noch seine 1. Symphonie durchpulst hatte. Honegger kehrte sich nach innen und wurde zum Weltanschauer. Seine Symphonie liturgique von 1946, die dritte und bekannteste seiner fünf Symphonien, verstand er als politischen und privaten Reflex, als "Auflehnung gegen Barbarei, Dummheit, Leiden, Maschinismus, Bürokratie". Verstörend beschreibt sie eine Kurve von der Apokalypse zum Gebet. Schon im Kriegsjahr 1941 hatte Honegger, der ewige Schweizer in Frankreich, mit seiner Zweiten ein Bekenntnis abgelegt. Das Lamento der Bratsche im Kopfsatz hält seine Spannung bis ins Finale, das in einer turbulenten Entkrampfung endet. Ein Dokument des Pessimismus als einzig gültiger Utopie ist die Fünfte (1950), in deren schneidend dissonantem Finale sich der Komponist unter Entbindung aller Kräfte aus der Symphonik verabschiedete. Nun war alles gesagt, streng und tränenlos durchlebt.

Das symphonische Werk Honeggers hat nun das Orchestre de la Suisse Romande unter Fabio Luisi entwaffnend expressiv geborgen (Cascavelle 3 CD RSR 6132/Vertrieb: Klassik Center Kassel). Die Aufnahmen künden von einem Meister, der forsch als Eisenhans begann, später ans Jüngste Gericht rührte und schier mit einem Dementi von Kunst und Welt abtrat. Die Energie verließ ihn nie.