Seine Lordschaft sitzt im Chaos. Auf dem Schreibtisch vor ihm und um ihn herum stapeln sich Bücher, Manuskripte, Skizzen und Briefe in bedrohlicher Höhe. Der alte Mann ist in bunte Seide und weites Leinen gekleidet. Seine blitzenden blauen Augen sind eingerahmt von einem grauen Bart und schmierigen Locken, die ihm auf die Schultern hinabfallen. "Ich arbeite an meiner Autobiografie" sagt er und richtet seinen Blick bedeutungsvoll auf eine Säule handgebundener Bücher. "Fünf Millionen Wörter habe ich schon." Das Leben, das der 7. Marquess, Alexander Thynn, Lord of Bath aufgeschrieben hat, ist in mancher Hinsicht so bunt wie der Mann selbst. Als ältestem Spross einer der vornehmsten Familien des Landes gehörten Eton und Oxford zwar wie selbstverständlich zu seiner Ausbildung, doch verließ der Zögling bald den Pfad der Konvention. Mit 19 diente er bei den britischen Truppen in Wolfenbüttel, wurde Boxchampion seiner Kompanie und schrieb seinen ersten Roman. Danach fuhr er "per Jaguar durch Südamerika" und ging nach Paris, um Malerei zu studieren. Als er 21 war, bezog er Longleat House, die Herberge seiner Ahnen, und wurde zum "nachdenklichen Einsiedler". Longleat ist ein prunkvolles, 450 Jahre altes Schloss, umgeben von Latifundien, die sich in die gefälligen grünen Hügel der westenglischen Grafschaft Wiltshire einbetten. 180 Zimmer, sieben Bibliotheken, drei Bankettsäle, goldene Stuckdecken, die von italienischen Meistern geschaffen wurden

Tapeten aus Flandern und Möbel aus Versailles und Berlin. In dieser stattlichen Umgebung gab der kleine Lord sich dem Schreiben und Malen hin und wurde der exzentrische Hippie, der er heute noch so gern ist. Als er im Alter von 60 Jahren von seinem Vater den Sitz im Oberhaus übernahm, fragt er einen Beamten, ob es "opportun wäre, seine erste Rede vor dem Hohen Haus barfuß zu halten". Er trüge überhaupt nur sehr ungern Schuhe.

Im Laufe von 30 Jahren versah der Hausherr den gesamten Westflügel seines Familiensitzes mit Wandmalereien. In einem düsteren Stilgemisch aus Marc Chagall und Friedensreich Hundertwasser bannte Bath seine Ängste, seine Sehnsüchte und seine sexuellen Fantasien auf die Wände von Schlafzimmern und Bibliotheken, langen Korridoren und der alten Schlosskapelle. Neben einer Frau, die ihm zwei Kinder gebar, beglückte er im Laufe seines Lebens 74 "Gespielinnen". Er veröffentlichte eine Schallplatte mit selbst geschriebenen Volksliedern und spielte zahlreiche Nebenrollen in drittklassigen Spielfilmen.

Von diesem Leben erzählt Alexander Lord of Bath am liebsten. So gefällt er sich am besten. Viel überzeugender allerdings ist der Alte in der Rolle, die in seiner Selbstdarstellung kaum vorkommt: der des Geschäftsmannes. Wie kaum ein anderer Schlossbesitzer im Land hat Alexander Thynn Longleat in ein lukratives Geschäftsmodell verwandelt.

Ein Schloss als Familienstammsitz, das war über viele Jahrhunderte identifikationsstiftendes Attribut des britischen Hochadels. Nach 1945 allerdings wurde es für viele Adelsfamilien zu einem Fluch, der nicht selten in den wirtschaftlichen Ruin führte. Ehemals beachtliche Ländereien mussten nach und nach verkauft werden, und so manchem Lord blieb nur das magere Einkommen, das er als Mitglied des britischen Oberhauses einstrich: nicht genug, um stattliche Landsitze mit herrlichen Parks zu unterhalten. "In den fünfziger Jahren wurde alle paar Tage ein großes Herrenhaus oder Schloss abgebrochen", erinnert sich Norman Hudson, Berater der Vereinigung historischer Landsitze. Die Familie Thynn der Lords of Bath allerdings reagierte auf die veränderte Situation prompt und geschäftstüchtig. 1949 eröffnete der 6. Marquess sein Haus als Museum. Hier konnten die Besucher fortan nicht nur Gemälde von Tizian und holländischen Meistern beschauen, sondern auch eine kleine Sammlung von Aquarellen und Postkarten von Adolf Hitler, die Henry Thynn während der dreißiger Jahre gesammelt hatte. Das prächtige Heim wurde zur Einnahmequelle.

Von seinen Vettern und Freunden im britischen Adel wurde Lord Bath zunächst verlacht. Doch es dauerte nicht lange, bis der Erfolg ihm Recht gab und viele Guts- und Schlossbesitzer sich der Idee annahmen. Longleat wurde die Wiege eines vollkommen neuen Zweiges der britischen Tourismusbranche. Selbst Blenheim Palace, das pompöse Schloss der Grafen von Marlborough und Geburtshaus von Winston Churchill, öffnete 1953 seine schweren Eisentore der Öffentlichkeit.

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