Retz liegt Julia zu Füßen. Julia Laubach, die lange als Bezirksrichterin souverän, segensreich und unkonventionell die Probleme der Kleinstadt im niederösterreichischen Weinviertel gelöst hat. Allein in Deutschland haben ihr Woche für Woche bis zu fünf Millionen Menschen dabei zugeschaut. Die Schauspielerin Christiane Hörbiger steht auf dem 57 Meter hohen Rathausturm und zeigt über die Dächer der Stadt. Wenn Sie da hinunterschauen, es ist doch entzückend, und ihre Stimme klingt zärtlich und auch ein bisschen stolz, so als wäre sie mitverantwortlich für das Wohl dieser Stadt. Retz, 2500 Einwohner, am nördlichen Rande des Landes, lange vergessen. So nah an der tschechischen Grenze, so nah am Eisernen Vorhang. Es hat hier niemand investiert. Das ist vorbei. Jetzt ist Retz sogar Filmstar. Hauptschauplatz der Serie Julia - Eine ungewöhnliche Frau.

Christiane Hörbiger hat das eine Goldene Kamera, den Bayerischen Fernsehpreis und den Grimme-Preis eingebracht, Retz Popularität und Umsatz. Allein für die Dreharbeiten der letzten 13 Folgen, die jetzt dienstags zur Hauptsendezeit in der ARD laufen, wohnte die Crew fast ein halbes Jahr in Retz. Und ließ Geld da. Das war die Bedingung. Die Serie wird aus Kulturförderungsmitteln Niederösterreichs mitfinanziert. Das war sehr klug gedacht vom Landeshauptmann, Christiane Hörbiger blinzelt in die Herbstsonne, er hat gesagt, man muss die Region irgendwie aufwerten. Es lag ihm immer an diesem Stückchen Landschaft, weil es die ärmste Region Niederösterreichs ist. Und darum eine Kulisse, von kaum einer Bausünde angekränkelt. Christiane Hörbiger erinnert sich an die Zeit, bevor der Julia-Boom ausbrach. Da hat ihr die Damenrunde in der Sauna erzählt, dass die Retzer vor 30, 40 Jahren einfach kein Geld gehabt hätten, um die Fassaden zu modernisieren. Und jetzt ham's den Verstand zu sagen, wir lassen es, wie's ist. Nur rausgeputzt sind die Häuser am Marktplatz heute.

Christiane Hörbiger sieht den Hauptplatz auch pragmatisch. Sie deutet nach unten. Da kauft sie schon mal Joggingschuhe, die Apothekerin hat sie ins Herz geschlossen, die besorgt mir immer alles. Die Prachtbauten scheinen für sie schon Selbstverständlichkeit, das Verderberhaus, das schönste Gebäude am Hauptplatz, ein orangefarbener venezianischer Renaissance-Palazzo mit einer Durchfahrt in der Mitte und Zinnen auf dem Dach.

Wie aus dem Ei gepellt

Am häufigsten tritt im Fernsehen das Rathaus auf. In jeder Serienfolge mehrmals. Weil dauernd jemand die große Außentreppe hinauf- oder hinunterläuft. Aber so hoch oben wie jetzt, auf dem Turm, war Christiane Hörbiger noch nie. Hätte auch niemand aus ihrer Entourage für möglich gehalten, dass sie da hinaufsteigt in dem eleganten dunklen Kostüm mit dem fast bodenlangen Rock. Aber es macht ihr sichtlich Spaß, hier oben, über ihrer Stadt.

Das Rathaus sitzt wie eine Glucke mitten auf dem Hauptplatz, in warmem Dottergelb gestrichen. Drinnen liegen das Zimmer des Fernsehbürgermeisters und der Gerichtssaal der Serie. Wunderschöne alte Räume, bemerkt Christiane Hörbiger. Das sind sie auch, wenn nicht gedreht wird. Das mit Habsburgerbildern geschmückte, barock prunkende TV-Bürgermeisterzimmer ist der Ratssaal und fungiert alltags auch schon mal als Standesamt. Kirchlich kann zwei Stockwerke tiefer geheiratet werden. Das Retzer Rathaus ist ein Kuriosum: Es wurde auf einer Kapelle gebaut, einem taubenblauen und goldenen Rokokojuwel, verschnörkelt, freskenübersät, Triumph der Gegenreformation in der einstmals protestantischen Stadt. Wirklich? Da unten war ich noch nie, das muss ich mir später mal anschauen, sagt Christiane Hörbiger erstaunt.

Den früheren Bürgersaal der Handwerker oben im Rathaus kennt sie viel besser.