Wieder werden sie lügen, täuschen, hinhalten. Wieder werden Dokumente auf unerklärliche Weise verschwinden, Materialbilanzen nicht stimmen, Schüssel zu verdächtigen Anlagen plötzlich unauffindbar sein. Wieder werden die UN-Waffeninspektoren mit eingeschüchterten irakischen Wissenschaftlern über den Verwendungszweck technischer Anlagen streiten. Und womöglich wird wieder ein grimmiger Wachmann der deutschen Inspektorin Gabriele Kraatz-Wadsack ein heikles Dokument aus den Händen reißen. Wie damals in der irakischen Luftwaffenzentrale im Juli 1998 - fünf Monate bevor die Inspektoren das Land verlassen mussten.

An 26 Waffeninspektionen im Irak hat die 49-jährige Mikrobiologin, von Beruf Offizierin bei der Bundeswehr und derzeit Beraterin des Robert-Koch-Instituts, zwischen 1995 und 1998 teilgenommen. Wenn der Anruf von Unmovic kommt, der UN-Waffenkontrollkommission und Nachfolgerin von Unscom, wird Gabriele Kraatz-Wadsack wieder ihre Sachen packen und in den Irak fliegen. Nicht gern, wie sie sagt, doch aus Pflichtgefühl.

Verfügt Saddam Hussein immer noch über Massenvernichtungswaffen? Hat das Regime vier Jahre ohne Kontrollen genutzt, um sein Atomwaffenprogramm wieder aufzunehmen, um biologische oder chemische Waffen zu entwickeln? Niemand weiß es genau. Es kursieren Spekulationen, Einschätzungen und Analysen. Krieg, Sanktionen und Waffenkontrollen hätten Iraks Fähigkeiten zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zwar begrenzt, aber "nicht eliminiert", so heißt es in einem kürzlich präsentierten Dossier des Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS). Über die derzeitigen Kapazitäten des Irak bestehe freilich "keine Gewissheit".

Besitzt der Irak spaltbares Material? Wahrscheinlich nicht. Doch könnte er welches beschaffen, wäre er womöglich "binnen Monaten" imstande, befürchtet das IISS, eine Atombombe zu bauen. Hat der Irak chemische und biologische Waffen zurückgehalten? Wahrscheinlich - und wenn nicht, hätte er in den vergangenen vier Jahren Zeit genug gehabt, die Produktion wieder anzukurbeln.

So lautet der Tenor der meisten Analysen: Beweisen lässt sich nichts, ausschließen kann man freilich ebenso wenig. Konkreter wird erst das diese Woche präsentierte Dossier der britischen Regierung: Demnach produziert der Irak noch immer chemische und biologische Kampfstoffe und versucht weiterhin, Atomwaffen herzustellen. Beweise liefert aber auch dieses Papier nicht. "Ohne Inspektionen können wir keine Schlussfolgerungen ziehen oder irgendwelche definitiven Erklärungen abgeben", sagt Mohammed El Baradei, Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, zuständig für die Nuklearwaffenkontrollen im Irak.

Seit Präsident George W. Bush erwog, zunächst Kontrolleure anstelle von Kampfbombern nach Bagdad zu schicken, wird auch in Washington mit viel Schärfe debattiert: Können Inspektionen diesmal, unter der Drohung einer Invasion, funktionieren?

Die Zahl der Skeptiker ist gewaltig, die kleine Schar der Spezialisten gespalten. Der Schwede Rolf Ekeus, ehemaliger Chefinspektor, verlangt Regeln, die Saddam Hussein keinen Spielraum lassen. Charles Duelfer, der vormalige Stellvertreter, glaubt, selbst die strengsten Regeln nützten nichts, Saddam werde im Katz-und-Maus-Spiel immer siegen. Der Amerikaner David Kay, ein anderer früherer Inspektor, spricht von "mission impossible".