Was in einem Buch drin ist, weiß keiner, der es nicht gelesen hat. Um es zu lesen, muss er es in der Regel kaufen. Warum aber soll er ein Buch kaufen, wenn er nicht weiß, was drin ist?

Es gibt nicht viele Waren in unserer Warenwelt, bei denen das Risiko so groß ist. Ein Auto ist ein Auto, ein Staubsauger ein Staubsauger, und selbst wenn sie den Käufer enttäuschen sollten - fahren und staubsaugen werden sie schon irgendwie. Aber ein Buch macht nichts von selber, ein Roman schon gar nicht.

Der Käufer muss es lesen und sich aneignen, und es mag sein, dass er damit nichts anzufangen weiß, weil ihm die Geschichte missfällt oder die Sprache oder gar beides. Da sitzt er nun, der arme Tor, er hat sein Geld umsonst ausgegeben, und keiner gibt es ihm zurück.

Nun ist allerdings kein Leser vollkommen blind, wenn er in die Buchhandlung geht. Vielleicht kennt er den Autor. Vielleicht hat ihm ein Freund das Buch empfohlen. Vielleicht hat er in einer Zeitung etwas darüber gelesen. Oder er liest den Klappentext, weil ihn Titel und Umschlag auf unklare Weise ansprechen. Irgendetwas mit Liebe steht da, und ein geheimnisvoll umschattetes Frauenantlitz lächelt ihn an. Oder das erleuchtete Fenster eines Hauses auf sturmumtoster Klippe lässt ihn an Unordnung und frühes Leid denken.

Es gibt Buchumschläge, die lassen keinen Zweifel. Am eindeutigsten sind die so genannten Nackenbeißer: Blond gelockte Frau mit prachtvollem Dekolleté beugt den weißen Hals, damit der braun gebrannte Abenteurer nach vollbrachtem Sieg die schöne Beute mit einem wilden Kuss sein Eigen nennen darf. Derlei Werbung für unseriöse Literatur ist seriös, denn Bild und Inhalt entsprechen einander vollkommen. Das aber ist ziemlich selten der Fall. Immer wieder garnieren seriöse Verlage ihre Bücher mit unseriösen Lockungen. Früher konnte der Kenner dem Erscheinungsbild eines Programms schnell entnehmen, aus welchem Haus es kam, heute gibt es alle Reize auf allen Umschlägen. Kein Wunder, dass die Leser enttäuscht sind, wenn sich drinnen als lahmes Trauerspiel zeigt, was draußen eine wilde Affäre versprach.

Seit einiger Zeit machen die Verlage für Buchhändler und Kritiker so genannte Leseexemplare. Sie erscheinen einige Wochen vor der Auslieferung und sehen oft genauso aus wie die fertigen Bücher. Manche aber sind sparsamer ausgestattet - und schöner. Die Leseexemplare des Berlin Verlags zum Beispiel hatten in diesem Jahr einen schlichten Pappeinband in einem starken, schönen Rot, darauf in einfacher Typografie Titel und Autor. Plötzlich wirkte diese Ausstattung wie etwas ganz Besonderes, Edles, so wie ja kostbare Geschenke oft zurückhaltend eingepackt sind.

Möglichst viele gute Bücher, dachte man plötzlich, sollten so aussehen - ganz einfach. Und nur die schlechten sollten sich mit üppigem Dekor schmücken dürfen. Der Nachteil allerdings der roten Exemplare war, dass sie bei Feuchtigkeit abfärbten. Für die Badewanne oder den Garten taugten sie nicht.