Tatsächlich? Stimmen werden laut, die Beweise fordern. Außenminister Colin Powell kündigt an, sehr bald Dokumente vorzulegen. Am Ende überlässt es Powell dem britischen Premierminister Tony Blair, der Weltöffentlichkeit Beweise zu präsentieren. Das 20-seitige Dokument, das Blair veröffentlicht, gleicht einer Anhäufung von Indizien und Mutmaßungen, die belegen sollen, dass allein die Terrororganisation von Osama bin Laden in der Lage ist, solch eine Terroraktion zu planen und durchzuführen. In dem Dokument heißt es: "Es gibt Beweise sehr spezifischer Natur hinsichtlich der Schuld bin Ladens und seiner Gefolgsleute, die für eine Veröffentlichung zu heikel sind."

Das stimmt. Die Unterlagen belegen nämlich nicht nur, dass tatsächlich zwei der Entführer engen Kontakt zur Terrororganisation al-Qaida hatten. Vielmehr zeugen sie auch vom Versagen des amerikanischen Geheimdienstes CIA, der 18 Monate vor dem 11. September von geplanten Attentaten erfährt - und nichts gegen die Terroristen unternimmt.

Mittlerweile untersucht ein Geheimdienstausschuss in Washington, bestehend aus Senatoren und Abgeordneten, den Vorfall. Zeugenaussagen und Berichte des Ausschusses liegen der ZEIT vor. Fast täglich bringt die Kommission neue Details zum Vorschein, die eine böse Ahnung langsam zur Gewissheit werden lassen: Die CIA hätte die Anschläge vom 11. September verhindern können, wenn ihr nicht systematisch Fehler unterlaufen wären.

Kuala Lumpur, 5. Januar 2000. Der Terrorist Taufig bin Atesch hat einige treue Gefolgsleute zur Besprechung in die Hauptstadt Malaysias bestellt. Bin Atesch, Kampfname "Chalid", ist ein enger Vertrauter von Osama bin Laden. Gemeinsam mit bin Laden kämpfte er in Afghanistan gegen die Rote Armee und verlor dabei ein Bein. Der Einbeinige hat Kuala Lumpur mit Bedacht als Treffpunkt ausgewählt. Malaysia hat schon vor Jahren den Islam zur Staatsreligion erkoren. Muslime können ohne Visum einreisen. Zudem besitzt ein malaysisches Mitglied der al-Qaida am Stadtrand von Kuala Lumpur ein achtstöckiges Mietshaus. Eines der Apartments wird regelmäßig von der Terrororganisation als konspirative Wohnung genutzt. Der Einbeinige erwartet dort die Komplizen, um Terroraktionen zu planen.

Der amerikanische Geheimdienst CIA hat rechtzeitig Ort und Zeitpunkt dieses Treffens erfahren und den malaysischen Secret Service gebeten, es zu überwachen. Wenn die Terroristen das Apartment verlassen, klicken die Fotoapparate der malaysischen Polizei. Möglichkeiten für ganze Fotoserien gibt es reichlich. Wie gewöhnliche Touristen bummeln die Terroristen durch die Stadt. Gelegentlich suchen sie ein Internet-Café auf und verbringen mehrere Stunden vor Computern, immer unauffällig beobachtet von einem Oberservationsteam. Neben dem Einbeinigen fotografiert die malaysische Polizei auch Ramsi Mohammed Binalschibh. Der damals 27-jährige Jemenit lebt seit 1995 in Deutschland. Er ist der Logistiker der Hamburger Al-Qaida-Zelle, deren Mitglieder 18 Monate später 3000 Menschen ermorden.

Für das Treffen ist Binalschibh eigens aus Deutschland angereist. Aus noch immer unerklärten Gründen verschweigt die CIA ihren deutschen Partnerdiensten, dass sich der Logistiker in Malaysia aufhält. Er kann danach unbehelligt in die Bundesrepublik zurückkehren und mit den anderen Mitgliedern seiner Hamburger Zelle damit beginnen, die Anschläge zu organisieren. Viel spricht dafür, dass in Malaysia entscheidende Planungen für die Anschläge in den USA anfangen. An dem Treffen nehmen auch Nawaf al-Hasmi und Chalid al-Midhar teil. Sie werden später zu den 19 Attentätern gehören.

Al-Midhar ist der CIA wohl bekannt. Lange vor seinem Auftritt in Malaysia weiß der US-Geheimdienst seinen Namen, seine Passnummer und weitere Personalien. Die CIA weiß auch, dass al-Midhar seit längerem ein "Multiple Entry Visa" hat, mit dem er jederzeit in die USA einreisen kann. Erhalten hat er das Visum auf dem US-Konsulat in Dschiddah in Saudi-Arabien. Es ist gültig bis zum 6. April 2000.