Es ist leicht, Karl Grammer auf einer Konferenz ausfindig zu machen. Sind Menschen zu einer Traube versammelt, sind Juchzer zu vernehmen, dann braucht man nur nach einem grauen Haarschopf mitten im Pulk zu spähen: Das ist er, der Verhaltensforscher. Seine Software FlirtFever ist die Ursache des Auflaufs. Auf dem Bildschirm von Grammers Laptop steht eine leicht bekleidete Schöne. Sie lockt mit schlafzimmerschwerem Blick und will erobert sein. "Wie echt sie aussieht!", sagen dann die Zuschauer, und Grammer lächelt. So soll es sein: Fast echt blinkt die Dame mit den Augenlidern, ihr Brustkorb hebt und senkt sich, als atmete sie. Ab und zu verlagert sie sogar ihr Gewicht gekonnt von einem Bein aufs andere - ganz wie ein Mensch.

Wer mit ihr anbandeln will, muss sie mit Texten füttern, die der Computer bereithält. Der Kandidat am Rechner wählt dann aus Gesprächsbeiträgen aus, die Grammers Arbeitsgruppe aus echten Gesprächen gewonnen hat. Banales wie "Ich fahre gerne in Urlaub" oder ein wenig direktere Wortmeldungen wie "Wollen wir etwas trinken?"

Das Computerhirn der Dame analysiert die Sprache und entscheidet sich für eine Reaktion. Wörter wie "ich", "du", "wir" haben es ihr angetan. Diese Vokabeln interpretiert sie als Signal: Jemand will was von ihr. Und sehr menschlich antwortet sie auf Direktheit - mit Zurückhaltung. In der digitalen Schönen steckt, was Grammer über das Verhalten der Städter zur Paarungszeit herausfand. Es ist daher nicht leicht, ihr mehr als das soziale Lächeln zu entlocken, bei dem zwar die Mundwinkel tanzen, aber die Augen nicht mitlachen. Wirft die elektronische Lady aber ein "Duchenne-Lächeln" an und legt die Augenpartie in Fältchen, dann jauchzt, johlt, klatscht das Konferenzpublikum.

"Sex sells", flüstert eine Zuschauerin mit Blick auf den Bildschirm. Da ist was dran. Grammers Kunstdamen stehen zum Verkauf, und seine Firma Digital Mankind, die diese Wesen entwickelt hat und sie als Software zum Flirten oder als digitale Mannequins anbietet, erhält viele Anfragen aus der Industrie.

Aber auch die forschende Informatikerzunft ist auf die knackigen Schauobjekte aufmerksam geworden. Was ist dran an Karl Grammers wissenschaftlichem Treiben?

Kein Platz für Romantik

Die Antwort sollte im Ludwig-Boltzmann-Institut für Urbane Ethologie in Wien zu finden sein. Der Verhaltensforscher hat es 1991 zusammen mit seinem Lehrer, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, gegründet. Poster neben Poster im langen Flur zu Grammers Büro dokumentiert seine unzähligen Projekte. Er will zum Beispiel herausfinden, warum der Mensch im städtischen Milieu so gut klar kommt, obwohl die Spezies dort, verglichen mit der Dauer der Menschheitsgeschichte, erst kurze Zeit zu Hause ist. Grammer hat ermittelt, in welchen Bauten Menschen sich wohl fühlen - und daraufhin einen Kriterienkatalog für sozialverträgliches Wohnen zusammengestellt. Fast ohne Resonanz, wie er verärgert feststellt, denn "soziale Kriterien lassen sich für Bauherren nicht direkt in bare Münze umrechnen". Bei diesem Thema kommt Grammers Ich-gegen-den-Rest-der-Welt-Charakterzug zum Tragen. Da erklärt er seine Umwelt gern für idiotisch, ein Verhalten, das in Wien "Sudern" heißt.

Das Sudern hat er drauf, obwohl er gar nicht aus Wien, sondern aus Süddeutschland stammt.