Viele Israelis meinen, Ehud Barak habe, zusammen mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, den Palästinensern sehr viel angeboten. Die Palästinenser, so meinen sie, hätten aber diese Angebote nicht nur abgelehnt, sondern mit Terror und Gewalt erwidert, weil sie Israel vernichten wollten und zu keinem Kompromiss bereit seien. Das ist der Grund, weshalb die israelische Bevölkerung Scharon und seine Regierung gewählt hat und ihn mit überwiegender Mehrheit fast bedingungslos unterstützt.

Die wenigen Gegner Scharons werfen ihm vor, er habe keine Strategie, nur eine Taktik. Er kämpfe mit allen Mitteln gegen den Terror, aber was später mit den Palästinensern geschehen solle, wisse er nicht. Für die meisten Israelis ist diese Frage bedeutungslos. Für sie stehen die dringenden Alltagsprobleme im Vordergrund. Was im Falle eines Sieges geschehe, werde man dann sehen.

Ariel Scharon hat aber sehr wohl eine Strategie. Eine Strategie, die er sorgfältig durchsetzt, seitdem er an die Macht gekommen ist. Es ist ihm recht, dass fast keiner darauf achtet, so vermeidet er kritische Fragen und muss sich der öffentlichen Meinung nicht stellen.

Gewiss, Scharon lässt palästinensische Städte nicht nur erobern, die Truppen werden auch wieder abgezogen - manchmal mehrmals. Doch bei genauerer Betrachtung ergibt sich durchaus eine Konstante: Seit diese Regierung im Amt ist, werden die Städte der Palästinenser belagert. Fast zwei Jahre schon leben sie in diesem Zustand, und die Belagerung wird immer härter, immer unerbittlicher. Zudem werden die palästinensischen Behörden systematisch untergraben. Die palästinensische Autonomiebehörde, die dank der Osloer Verträge entstanden ist, wird schrittweise zermürbt.

Warum schrittweise? Warum wird sie nicht ganz zerstört? Warum nicht ein Ende mit Schrecken statt eines Schreckens ohne Ende? Weil die amerikanische Regierung Bush es derzeit nicht zulässt. Zwar unterstützt sie Scharon bedingungslos, man kann sogar sagen, mit Überzeugung. Dennoch ist Washington dagegen, dass Scharon die palästinensische Autonomiebehörde brutal zerschlägt. Der Grund: Es würde die öffentliche Meinung in den arabischen Staaten aufwühlen, und das wäre zu gefährlich für die proamerikanischen Regime in der Region. Allerdings bezeichnete der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die besetzten Gebiete erst vor kurzem als so called - so genannte - besetzte Gebiete. Übersetzt heißt das: Scharon kann in diesen Gebieten tun, was er will, aber er muss vorsichtig und schrittweise vorgehen.

Was aber will Scharon? Blicken wir zurück: Schon in den siebziger und achtziger Jahren waren die heutigen Spitzenpolitiker Israels für die Verteidigungspolitik verantwortlich oder mit ihr verbunden. Das waren die Zeiten, in denen das Land enge Beziehungen zu Südafrika unterhielt - dem Staat der weißen Minderheit, versteht sich. Damals waren diese Verbindungen unentbehrlich, weil Israel selbst im permanenten Belagerungszustand lebte.

Bis 1967 hatte es Waffen aus Frankreich bekommen, doch dann verhängte Paris ein Embargo. Israel musste anderweitig Ersatz suchen und fand in Südafrika praktischerweise einen Lieferanten, der selbst Waffen aus Frankreich bezog.