Mein Bruder, der Biller – Seite 1

Eine SMS-Nachricht auf meinem Handy, auf Tschechisch, von meinem Bruder Maxim: Ich sitze im Zug von Turin nach Mailand. Es ist so schön hier. Von Berlin lerne ich, den Rest der Welt zu lieben. Ich habe diese Notiz monatelang aufgehoben, weil sie so vieles einfängt, das typisch für ihn ist: seine Unfähigkeit, einen hässlichen, langweiligen Satz zu schreiben, seine so oft enttäuschte Sehnsucht nach einem Ort, den er lieben kann, und seine Liebe zum Tschechischen, unserer Muttersprache.

Vor ein paar Monaten haben wir zusammen Prag besucht

ich war aus London gekommen, er aus Berlin. Als ich ihn für diesen Artikel interviewte, sprachen wir natürlich Tschechisch, obwohl ich auf Englisch schreiben würde. Und dann wird der Text ins Deutsche übersetzt werden, was den Kreis unserer getrennten Lebenswege schließt. Maxim und ich haben nicht mehr im selben Land gelebt, seit ich aus Hamburg nach Israel aufbrach, da war er noch auf der Schule. In den folgenden Jahren (fast drei Jahrzehnte lang!) blieben wir in sehr nahem, fast täglichem Kontakt, entwickelten uns aber unvermeidlich in verschiedene Richtungen und fanden die Entwicklung des anderen oft seltsam und überraschend.

An diesem Tag schneit es stark, und Prag verwandelt sich sofort in die reinweiße, magische Märchenstadt unserer Kindheitserinnerungen. Unser letzter Winter in Prag, bevor wir emigrierten, war lustig

wir hatten zusammen mit einem Freund den Klub der Schiffbrüchigen gegründet. Wir nannten uns Jim, John und Jane, zeichneten Karten, die zu versteckten Schätzen führten, und waren selig, abgeschnitten auf einer vergessenen Insel, von der wir nicht errettet werden wollten. Währenddessen schmiedeten unsere Eltern den Fluchtplan für unsere Familie aus der sowjetisch besetzten Tschechoslowakei, und bald würde unsere Verbindung mit Prag, würden unsere Wurzeln dort gekappt sein.

Das war 1970. Auf dem Weg von unserem Haus zum Wenzelsplatz hätten wir damals an den kurz zurückliegenden Einmarsch sowjetischer Panzer gedacht und die Löcher gesehen, die sie in den üppig stuckverzierten, schmutzigen Mauern des Nationalmuseums hinterlassen hatten. Heute, als wir dieselbe Strecke auf unserem Weg in ein chinesisches Restaurant gehen, kommen wir an tschechischen Panzern vorbei, die das glitzernde Gebäude von Radio Free Europe vor befürchteten terroristischen Angriffen schützen sollen. Die tschechischen Soldaten haben rote, verfrorene Gesichter und sehen beflissen, aber nicht ganz überzeugend aus. 1970 war Prag voller rotgesichtiger russischer Soldaten. Sie schafften es, sehr, sehr lange dort zu bleiben, während wir weggehen mussten. Damals war Maxim 10 und ich fast 16. Die Emigration, sagt er, war die erste ernsthafte Krise in meinem Leben. Ein echtes Trauma. Meine ersten zehn Jahre in Prag waren glücklich, aber sie wurden durch das Exil ausgelöscht und sind verschwunden.

1960, als er zur Welt kam, habe ich mich auf der Stelle in ihn verliebt und meinen Eltern mitgeteilt, dass ich ihn ganz allein aufziehen würde. Ich zwang all meine Freunde dazu, meinen dunkeläugigen, lockigen kleinen Bruder zu bewundern, und sie mussten mich mit Murmeln für das Privileg bezahlen, ihn in seinem Kinderwagen durch den Park zu schieben. Es ist ein Wunder, dass er diese schnellen Fahrten (meist bergab) überlebt hat. Ich dachte immer, sein breites Lächeln sei der Ausdruck reinster Freude gewesen, aber inzwischen frage ich mich, ob es nicht eher für nackte Angst stand. Das behauptet Maxim jedenfalls heute.

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Das feindselige Hamburger Exil lässt Wut aufkommen

Ich fühlte mich wie dein Golem, verkündet er und möchte gern ernst genommen werden. Mein Bruder möchte immer ernst genommen werden, sogar von mir - doch je ernsthafter er klingt, desto mehr bringt er mich zum Lachen. Er hat mich immer zum Lachen gebracht, viel und oft. Heute wirft er mir vor, die Tatsache, dass ich ihn so lustig fand, hätte ihn zu dem Irrtum verleitet, er wäre tatsächlich lustig. Außerdem beschuldigt er mich, ich hätte als Schwester zu viel Macht über ihn gehabt: Ich war dein Spielzeug. Du hast mich so erzogen, wie du mich haben wolltest. Nämlich wie? Im Geist der Literatur. Indem du jeden Abend eine neue Geschichte für mich erfunden hast, indem du immer diese Schülerzeitungen herausgegeben hast, konntest du mich sogar dazu bringen, Schriftsteller zu werden. Ich weiß noch, wie mein süßer kleiner Bruder Maxim mich anflehte, aus seiner Lieblingsgeschichte von einem subversiven, albernen Papagei eine tägliche Serie zu machen, und frage mich, ob er wohl Recht hat: Ja, vielleicht war er wirklich mein Spielzeug. Aber er hat jede Minute davon genossen, ehrlich.

Seine Jahre in Hamburg, unserer ersten Exilheimat, beschreibt er als Horror. Die aggressive Direktheit, die zu seinem Markenzeichen geworden ist, geht auf seine Hamburger Schulerfahrungen zurück: Als ich dort ankam, glaubte ich, die Leute würden so sein wie in Prag. Aber sie hänselten mich, verspotteten mich als Ausländer, griffen mich an, ließen mir die Luft aus den Fahrradreifen. Deshalb gewöhnte ich mir ihnen gegenüber ein intelligent defensives Verhalten an - bald hatte ich gelernt, dass ich sie mit ein paar scharfen Sätzen erledigen konnte. Wenn ich aggressiv geworden bin, dann als Verteidigung gegen die Aggression der deutschen Kinder in der Schule.

Der zartbesaitete Herr Oblomow fühlt sich missverstanden

Mir war gar nicht klar gewesen, dass er Schriftsteller werden wollte. Seit ich lesen und schreiben konnte, galt es in unserer Familie als naturgegebene Tatsache, dass ich Schriftstellerin würde, weil, na ja, auf die eine oder andere Weise schrieb und veröffentlichte ich ständig irgendetwas. Aber Maxim?

Nein. Falls er seine Pläne hatte, ist mir das nie aufgefallen. Als Teenager spielte er stundenlang DJ mit seiner selbst aufgenommenen Musik

seine Mixes nannte er Entertainer-Welle, und ich sagte ihm eine berufliche Zukunft als etwas voraus, das ich damals als dufter Typ bezeichnete.

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Deshalb merkte ich auch nicht, dass er seine erste Schreibmaschine, die er mit 13 bekam, heimlich benutzte. Eine Olivetti Praxis 48. Darauf schrieb ich meine erste Geschichte, über einen Mann, der auf einer Bank im Park sitzt.

Mit 18 verbrachte ich zwei schlaflose Nächte und schrieb eine Geschichte pro Nacht. Sie waren furchtbar, und ich schwor mir, nie wieder nachts zu schreiben. Mit 20 (inzwischen lebte er in München) schrieb Maxim seinen ersten Roman: Er hieß Glanz dieser Welt und handelte von einem Künstler, der bei einer Werbeagentur arbeitet und in Konflikt mit ein paar Teufelinnen kommt. Sehr schlecht. Er warf ihn weg, freute sich aber über die Entdeckung, dass er diszipliniert genug war, einen ganzen Roman zu schreiben und zu überarbeiten. Innerhalb weniger Jahre brachte er seinen ersten Geschichtenband heraus (Wenn ich einmal reich und tot bin) und wurde damit lang vor mir zum Schriftsteller. Ich war überrascht, sehr beeindruckt und sehr, sehr stolz. Ich war außerdem seine unbarmherzigste Kritikerin. Na ja, nicht ganz: Maxims kompromisslosester Kritiker ist er selbst. Ich habe noch keinen Autor kennen gelernt, der mit so grausamer Objektivität nach Fehlern in seiner Arbeit sucht.

Seine Arbeitsdisziplin und sein Glaube an eine gesunde Alltagsroutine sind in der Tat erstaunlich. (Nicht dass ich sie nicht alle fünf Minuten mit einem Anruf unterbräche. Er geht immer ans Telefon, auch wenn er schreibt, und es macht mir Spaß, diese Schwäche von ihm auszunutzen. Er ist genau so süchtig nach dem Telefon wie ich, mit dem einzigen Unterschied, dass ich es zugebe.)

Ich lebe wie Thomas Mann, lächelt er. Er schreibt jeden Morgen, dann isst er täglich im selben Restaurant zu Mittag, redigiert seinen Text am Nachmittag und hält sich die Abende frei. Wenn er in einer Stadt ist, die er mag - Prag oder München -, macht er lange Spaziergänge. In Berlin tut er das nicht. Anders als Thomas Mann sieht Maxim gern fern - alles, betont er. Er hat schon immer mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht als über den Büchern, das kann ich bezeugen.

Mit 42 hat er eine unglaubliche Menge geschrieben. Wir sprechen selten über unsere Texte und sind oft faul mit dem Lesen der neuesten Produktion des anderen. Ich gestehe, dass ich gelitten habe, als ich zu den fünf Menschen gehörte, die er zehnmal am Tag anrief und mit Fragen löcherte, während er seinen Roman überarbeitete. Wahrscheinlich, weil es mir vorkam, als würde ich meine Maxim-Zeit verschwenden (so nenne ich das), die immer unglaublich entspannend, albern und lustig ist. Meist reden wir über Dinge, die uns zum Lachen bringen. Manchmal vergesse ich, was für ein ernsthafter Schriftsteller er ist: Außer zwei Erzählbänden und einem langen Roman, Die Tochter, hat er mehrere Bände Artikel und Essays herausgebracht und ein Theaterstück geschrieben, Kühltransport. Außerdem ist er gerade mit seinem zweiten Roman fertig, einer leichthändigen Liebesgeschichte namens Blaue Löwen, die im nächsten Frühjahr erscheint. Doch während wir hier in diesem chinesischen Restaurant in Prag sitzen, wirkt mein Bruder nicht glücklich und ist es auch nicht. Warum?

Ich langweile mich, sagt er. Das weiß ich. Er langweilt sich meistens während unserer täglichen Ferngespräche

oft fange ich mit einem Thema an, und er unterbricht mich mitten im Satz: Nein. Das ist langweilig. Wenn ich beharre, gähnt er demonstrativ. Und zwar nicht gespielt. Das Idol meines Bruders ist Oblomow, der adelige russische Held eines Romans von Gontscharow, aus dem 19. Jahrhundert. Warum bewundert Maxim ihn so? Oblomow hat einen Zustand völliger Apathie erreicht, weil er alles weiß, nichts kann ihn überraschen. Meine Lieblingsszene ist, wenn Oblomows Freund ihm aufgeregt von einer wunderbaren Abendgesellschaft erzählt, wo er gerade war und haufenweise faszinierende Leute getroffen hat, und Oblomow erwidert: >Bin ich froh, dass ich nicht dabei war.< Mit diesem Gefühl kann ich mich absolut identifizieren.

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Ich habe den Verdacht, dass Maxims so genannte Apathie zum Teil mit seinem Gefühl zu tun hat, nicht nach Deutschland zu gehören. Es gab durchaus eine Zeit, da hat er sich dort wohlgefühlt: in den Achtzigern, als er Mitte 20 war und mit Trendsetterschärfe für Tempo und Elaste schrieb. Sein großes Vorbild, sein Lehrer als Journalist war Fritz J. Raddatz: 1985 war ich drei Monate lang Hospitant bei der ZEIT. Von Raddatz habe ich gelernt, was erstklassiger Journalismus ist: Du musst über alles nachdenken und keine Angst haben, zu sagen, was du denkst.

Doch dann, während seine eigene polemische Stimme sich entwickelte und reifte, entdeckte Maxim, dass seine kontroversen Meinungen und sein Tonfall ihn als Journalisten zunehmend isolierten. Er ist wirklich unerschrocken - und nicht nur darin, seine Ansichten offen zu formulieren: Ich hatte nie Angst, meinen Job wegen etwas zu verlieren, das ich geschrieben hatte. Doch die Reaktionen auf seine Meinungen desillusionierten ihn dermaßen (Warum haben die Leute Angst vor mir?, fragt er anklagend), dass er sich vom Journalismus abwandte und auf seine fiktionalen Texte konzentrierte. Sein Verleger bei Kiepenheuer & Witsch, Helge Malchow, beschreibt Maxim als einen unersetzlichen, einzigartigen Autor in Deutschland. Er schreibt auf Deutsch, aber er ist kein Deutscher. Unsere Literatur braucht seine Sicht eines Außenstehenden und seine kamikazehafte Schärfe und Präzision. Als Mensch und als Freund ist er ein sehr zartfühlender Mann mit einem großen, weichen Herzen. Er ist sentimental, in der besten Tradition der deutschen Romantik.

Schreiben Sie das, es wird ihn ärgern!

Auch als Romanautor, beklagt er sich, während die tschechische Kellnerin uns neuen Jasmintee einschenkt, wurde ich oft als >Maxim Biller, der Polemiker< gelesen. Kritiker haben über meinen Roman geschrieben, als wäre er ein politisches, journalistisches Statement zu Deutschen und Juden. Dabei handelt er vor allem davon, wie man sich als Fremder fühlt, von der Einsamkeit. Eine Art Ingmar Bergman aus München, so sah ich das ...

Am liebsten möchte er einfach nur geliebt werden

Dass er Jude ist, spielt eine große Rolle dabei, wie er in Deutschland wahrgenommen und rezipiert wird, glaubt er: Ich bin für sie ein Jude, aber einer, der nicht die Rolle spielt, die von ihm erwartet wird, anders als Broder oder Seligmann. Wenn ich mir ein anderes Land zum Emigrieren hätte aussuchen können, wäre es eines gewesen, wo mich die anderen nicht immer dazu zwingen würden, Fragen über das Jüdischsein zu beantworten. Walser schreibt über die Deutschen, Barnes über die Engländer, Oz über die Israelis - Biller über die Juden. Keiner sollte mich mehr fragen, warum ich das tue, es versteht sich von selbst. Die deutschen Kritiker verzeihen mir nicht, dass ich meine eigene Welt erschaffe und dafür ihre Sprache benutze, adaptiere.

Sie können auch nicht leiden, wie ich über Frauen schreibe, weil mich Frauen wirklich interessieren - und deshalb mögen sie mich auch.

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Plötzlich fällt mir ein, dass Maxims erste echte Verbindung zu Deutschland von seiner Beziehung zu einer deutschen Frau herrührte, die auch die Mutter seines Kindes wurde. Er stimmt mir zu. Und das, fügt er traurig, aber sachlich an, war die zweite tiefe Krise meines Lebens: ein Kind zu haben, mit dem ich nicht zusammenleben kann. Dieser Verlust hat ihn weit mehr geprägt als der erste, aus Prag ins Exil zu gehen. Er ist ein zutiefst engagierter und zutiefst verletzter Vater.

Und er ist allein. Warum? Er liebt Frauen doch, wie jeder, der sich für den SMS-Speicher seines Handys interessieren würde, schnell bemerken könnte. Ich will, diktiert er langsam und deutlich, eine Frau, die ruhig, künstlerisch, intelligent, aber nicht intellektuell, die mütterlich, sexy, witzig und objektiv schön ist. Dann fügt er mit breitem Lächeln hinzu: Ich habe sie nicht verdient, es wäre reines Glück. Vor allem hoffe ich, eine Frau zu finden, die keine Angst vor mir hat.

Wenn mein kleiner Bruder ein bisschen wie ein Golem ist, kann ich nichts dafür.

AUS DEM ENGLISCHEN VON FRANK HEIBERT

Von Maxim Biller erschienen zuletzt: Kühltransport (2001) und der Roman Die Tochter (2000)