Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Mit dem Stammzellgesetz, das vor der Sommerpause verabschiedet wurde, ist ein vorläufiger Schlussstrich unter die erste der bioethischen Debatten in Deutschland gezogen worden. Doch die nächste hat bereits begonnen: Soll die Präimplantationsdiagnostik (PID) zugelassen werden?

Mit der PID können im Labor erzeugte Embryonen genetisch getestet werden, bevor sie in die Gebärmutter übertragen werden. So kann man feststellen, ob ein Embryo Merkmale aufweist, bei denen eine Schwangerschaft entweder nicht eintreten kann oder aber mit einer Fehlgeburt endet es lassen sich eine Reihe von genetisch bedingten Krankheiten im Embryo diagnostizieren. Auch das Geschlecht eines zukünftigen Kindes lässt sich auf diesem Wege feststellen.

Die Konsequenz aus den Befunden einer PID ist immer Auswahl: Eingepflanzt werden nur "geeignete" Embryonen, die anderen werden ausgeschlossen.

Muss man und kann man die genetische Selektion durch PID verhindern? Es ist zu befürchten, dass die Debatte über diese Frage sich ebenso im Gestrüpp unvereinbarer Urteile über den moralischen Status des Embryos verheddern wird wie bei der Stammzellforschung. Aber vielleicht kann man sich über die Tatsachen verständigen, auf die in dieser Debatte Bezug genommen wird: der soziale Sinn von PID, die möglichen Folgen ihrer Zulassung und die Wertungen, die in der Gesellschaft bei vergleichbaren Sachverhalten faktisch akzeptiert worden sind.

In der öffentlichen Debatte spielen zwei Szenarien zu den Folgen der PID eine prominente Rolle. Die erste postuliert eine zunehmende Eugenik von unten: Mit der PID werde sich die Selektion von ungeborenem Leben ausbreiten. Ob ein Kind zur Welt komme, werde zunehmend davon abhängen, ob es den Vorstellungen der Eltern entspricht. Zielhorizont der PID ist in aller Regel die Gesundheit des zukünftigen Kindes. Tatsächlich aber wird nicht die Krankheit eines Kindes abgewendet, sondern das kranke Kind selbst. Das ist nicht ärztliche Prävention, sondern eugenische Selektion - wie immer auch der Sachverhalt mit medizinischer Rhetorik verbrämt sein mag.

Diese Beschreibung trifft allerdings auch für die selektive Abtreibung nach pränataler Diagnostik zu. Das Strafrecht konstruiert hier zwar eine Indikation, die auf die seelische Belastung der Frau abzielt. Aber man darf die Begründungsfiguren des Rechts nicht mit den Realitäten des sozialen Handelns verwechseln. Frauen, die selektive Abtreibung wählen, heilen nicht ihre seelische Krankheit, sie votieren gegen das Zusammenleben mit einem kranken oder behinderten Kind. Der Schatten vorgeburtlicher Selektion liegt daher keineswegs nur über den etwa 60 000 Behandlungszyklen der medizinisch unterstützten Fortpflanzung in Deutschland, für die PID gedacht ist er liegt über sämtlichen fast 800 000 Schwangerschaften in diesem Land.

Und der Schatten wächst. Die Angst vor einem behinderten Kind ist ein fast unabweisbares Motiv für vorgeburtliche Selektion. Über 90 Prozent der Schwangerschaften werden abgebrochen, sobald ein Down-Syndrom diagnostiziert wird. Daraus folgt eine latente Nachfrage nach mehr Diagnostik - und ein rapide wachsendes Angebot. Die Forschung hat inzwischen für 2000 genetische Erkrankungen entsprechende Gene oder assoziierte Marker identifiziert, mit denen diese Erkrankungen pränatal (und vor der Implantation) diagnostiziert werden können. Durch Automatisierung wird die Diagnostik schnell und billig werden. Ein zusätzlicher Schub ist zu erwarten, wenn fötale Zellen aus dem mütterlichen Blut gewonnen werden können.