Bibel und Telefonbuch. Mehr gibt es 1941 nicht in dem kleinen New Yorker Hotel, und die Bibel kann Grete Sultan in ihrer Lage nicht wirklich helfen: Sie spricht kein Englisch. Sie hat nur wenig Geld. Sie ist fünf Monate mit dem Schiff von Lissabon aus unterwegs gewesen. Also das Telefonbuch. Sie liest es wie im Fieber, denn Grete Sultan, die in letzter Minute vor den Nazis nach Amerika fliehen kann, braucht einen Bekannten, weil man sie sonst wieder nach Deutschland zurückschicken wird. Nach Auschwitz. Sie ist 36 Jahre alt und der Buchstabe E ihre Rettung: E wie Eisner, Bruno, ein befreundeter Pianist aus dem Jüdischen Kulturbund. Er vermittelt Grete Sultan an ihren ehemaligen Berliner Klavierlehrer, den Deutschamerikaner Richard Buhlig. Sie hat ein halbes Jahr nicht geübt. Ob sie etwas spielen könne? Grete Sultan ist glücklich. Und spielt. Beethovens letzte Klaviersonate, Opus 111.

In ihrem Elternhaus hängen keine Gainsboroughs. Aber es wird Chopin gespielt.

Der Vater ist Fabrikant und kennt mehr als Wildenbruchs Haubenlerche

in seiner Villa am Berliner Nikolassee verkehren Wilhelm Furtwängler und Richard Strauss, Max Slevogt und Max Liebermann. Grete Sultans Mutter verfasst eigene Theaterstücke für ihren Nachwuchs. Walter Benjamin hat von einer ähnlichen Berliner Kindheit Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben: "... es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens." Grete Sultan jedoch lebt von Anfang an im Reich der Töne, also in einer unendlichen Welt. Sie spricht nicht gern, sie verstellt sich nicht gern auf einer Bühne. Aber sie behält, was sie einmal gehört hat, wenn es Musik ist. Üben muss sie kaum, und das ist keine fromme Legende.

"Bemerkenswerte Reife, Musikalität und Logik" werden der 19-Jährigen im Examen von Leonid Kreutzer attestiert, das ist 1925, und Adorno schreibt später über sie: "Von Solisten notiere ich die hochbegabte Grete Sultan, eine merkwürdig expressive, rebellische Pianistin, die in jedem Betracht vom herkömmlichen Klavierspiel sich unterscheidet." Adorno, erzählt Grete Sultan viel später in einem ihrer raren Interviews, bei denen sie stets darauf besteht, ihr Gegenüber müsse nicht alles wissen, Adorno also sei ein wenig verliebt in sie gewesen, allein ... Grete Sultan wird nie heiraten. Sie wird auch keine Kinder bekommen. Ihre Fürsorge gilt allein der Musik: zuvörderst Bach und Beethoven. Eine Liszt-Spielerin hingegen ist sie nie gewesen, und vor Mozart hat sie noch bis ins hohe Alter hinein (Grete Sultan ist heute 96 Jahre alt) ein wenig Angst: Gleichwohl spielt sie mit Edwin Fischer auf einer Tournee durch Ostpreußen aus Mozarts Werken für zwei Klaviere.

Asketischer kann man Bachs Goldberg-Variationen nicht spielen

Überhaupt sind es die damals größten Hausnummern der Szene, die Grete Sultan bald wie selbstverständlich kennt. Der Cellist Enrico Mainardi gehört zu ihren Partnern, Claudio Arrau ist mit ihr befreundet, Toscanini, der zur frühzeitigen Flucht vor den Nazis rät, schätzt sie sehr. Mag sein auch deshalb, weil Grete Sultan ästhetisch sehr eigenwillige Wege geht, schließlich ist ihr neben dem Repertoire, das sie sich mit einer fast provozierenden Schnelligkeit aneignet, vor allen Dingen die Moderne wichtig.