Die Geschichte vergisst nichts. Irgendwann präsentiert sie ihre Rechnungen, unnachsichtiger als die preußische Oberrechnungskammer, wie Bismarck einmal bemerkte. Der Bertelsmann Verlag hat seine Rechnung erst diese Woche bekommen, als die Unabhängige Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich im Senatssaal der Münchner Universität ihren Abschlussbericht vorstellte. Das historische Selbstbild des Medienkonzerns bedarf nun, das gestand der neue Vorstandsvorsitzende Gunter Thielen unumwunden ein, einer grundlegenden Revision.

Jahrzehntelang hatte man in Gütersloh die Vorstellung gepflegt, der protestantische Traditionsverlag habe allen Zumutungen des Nationalsozialismus widerstanden und sei deshalb 1944 geschlossen worden. Er schätze sich glücklich, erklärte der frühere Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff noch im Juni 1998 in New York, für ein Haus zu arbeiten, das "stets für die Freiheit aller Rassen und Religionen" eingetreten sei. Damals hatte Bertelsmann gerade die Gruppe Random House übernommen und war damit zum größten amerikanischen Verlag geworden. Der Ruf politischer Unbescholtenheit hatte die Expansion wesentlich erleichtert.

Ende Oktober 1998 wurde erstmals Kritik an der Selbstdarstellung laut. In der Züricher Weltwoche warf der Publizist Hersch Fischler Bertelsmann vor, die eigene Geschichte systematisch geschönt zu haben: In Wahrheit habe der Verlag nicht unter dem NS-Regime gelitten, sondern kräftig von ihm profitiert, indem er kriegsverherrlichende Literatur in Millionenauflage drucken ließ. Als einige Blätter in den USA den Fall aufgriffen, reagierte die Konzernspitze prompt: Sie beauftragte den renommierten israelischen Historiker Saul Friedländer, die Verlagsgeschichte zu untersuchen und zu diesem Zweck eine Kommission seiner Wahl zu berufen.

Mit dem Zeithistoriker Norbert Frei, dem Theologen Trutz Rendtorff und dem Literatur- und Buchhandelshistoriker Reinhard Wittmann leistete Friedländer in der Frist von knapp vier Jahren Bewundernswertes. Die Probleme waren immens: Große Teile des Firmenarchiv waren nach einem Bombenangriff im März 1945 vernichtet worden. Lücken mussten durch Recherchen in 50 Archiven des In- und Auslands geschlossen werden. Darüber hinaus haben die Forscher Gespräche mit Zeitzeugen geführt, natürlich auch mit Reinhard Mohn, der seit 1947 die Erfolgsgeschiche seines Vaters fortsetzte.

Bereits im Januar 2000 konnte die Kommission erste Ergebnisse vorlegen. Sie bestätigte einen Kernvorwurf Fischlers: Im Zweiten Weltkrieg hatte das westfälische Provinzunternehmen über 20 Millionen Bücher für die Wehrmacht produziert

es rangierte damit auf Platz eins, noch weit vor Eher, dem Zentralverlag der NSDAP.

Der Abschlussbericht ist eine fast 800-seitige Gesamtgeschichte des Hauses Bertelsmann im "Dritten Reich", die allerdings zurückgeht bis ins Jahr 1921, als Heinrich Mohn die Geschäfte übernahm, und vorgreift auf die Zeit nach 1945, als der Firmenpatriarch die Legende vom "Widerstandsverlag" in die Welt setzte, um von der britischen Militärregierung eine neue Verlagslizenz zu bekommen. Von dieser Legende bleibt nichts. Die Schließung des Verlages 1944 war nicht etwa eine Sanktion für widerständiges Verhalten