Betriebswirtschaftlich gesehen, ist die Popgeschichte ein Rationalisierungsprozess: vom Unterhaltungsorchester zur vier- oder fünfköpfigen Rockband und von da zum Trio oder Duo. Der vollends emanzipierte Mensch von heute bleibt beim Musikmachen gleich ganz allein mit sich und seinem Laptop. Das spart Nerven, was künstlerische Richtungsentscheidungen und Kosten, was Tourneevorhaben anbelangt.

Auch Almut Klotz hätte es gern etwas funktionaler gehabt. Nach langen Jahren in Tourbussen und selbst verfassten Liedern darüber, die ihre Band, die Lassie Singers, fast, aber eben nur fast zu Popstars gemacht hätten, schwebte ihr etwas in der Art eines Duos vor - "ohne dieses zwischenmenschliche Gezerre". Dann freilich, Ostern 2001, kam es, einer plötzlichen Eingebung folgend, ganz anders. Seither treffen die Beteiligten sich jeden Samstag um 15 Uhr zum Proben - wenn's hoch kommt, zu dreißigst.

So viel Mitglieder hat er, der Popchor Berlin. Man muss ihn sich als lockere Assoziation von Protagonisten des lokalen Nachtlebens vorstellen, die tagsüber ihren Brotberufen als Journalisten oder Web-Designer nachgehen und weitgehend mit dem Klotzschen Bekanntenkreis identisch sind. Gruppenzwang besteht nicht, wer fehlt, der fehlt. Was umgekehrt nicht bedeutet, dass jeder machen kann, was er will.

Demokratie sei zeitaufwändig und nervenaufreibend, heißt es in einer Verlautbarung der Chorleitung, das Projekt stehe für "den entzückenden Reiz der klaren Arbeitsteilung und der gütigen Monarchie", will sagen: Klotz dominiert die Programmauswahl, sie verteilt Übungskassetten, auf denen jeweils Sopran, Alt oder Bariton hervorgehoben sind - "damit man nicht jedes Mal bei null anfängt" -, und bittet befreundete Elektroniker um stützende Playbacks. Bei Konzerten, meist in Berlin und um Berlin herum, stellt sie sich zur jeweils schwächsten Fraktion. Wenn es sein muss, gibt sie auch die Maestra, die gestenreich das eine oder andere Crescendo einfordert. Im Gegenzug werden die Chormitglieder zu Teilhabern der Erfahrung, wie feierlich und erhaben ein Stück Pop klingen kann, wenn es von 30 Lungen ein- und wieder ausgeatmet wird. Mongoloid von der Gruppe Devo etwa: Die Gesellschaftssatire aus alten New-Wave-Tagen entpuppt sich als Motette von Bach. Oder der Missy-Elliott-Cybersoul-Titel 4 my People: in seinen insistierenden dreistimmigen Gesangslinien eindeutig ein Gospel. Auch im restlichen Repertoire - insgesamt zwölf Choräle von Madonna bis Mudhoney - schwingt eine Innigkeit mit, die nicht immer leicht auszuhalten ist, manchmal offenbar selbst von den Beteiligten nicht: Bekanntlich flüchtet der aufgeklärte Mensch sich vor sich selbst gern in Ironisierungen und Witze.

Schon droht die Karaoke-Falle. Ironie ist hier allerdings höchstens ein dünner Firnis, der vor der Übermacht kathedralischer Gefühle schützt, darunter regieren Ernst und Würde sowie Stilsicherheit in der Wahl der Vorlagen. Es sind die abgedrängten Aspekte des modernen Lebens, die singend heraufgeholt werden, das versprengt Sakrale und Botschaftliche in den Niederungen der Erfahrung. Man muss bloß Ohren haben zu hören und den Mut, ihnen zu trauen. Klotz und Co. ziehen mit der Kirche ums Dorf. Erst über den eigenen Atem lässt sich begreifen, was Popsongs, die warenförmigste Kunstform überhaupt, momentweise eben auch sein können: geistliche Gesänge der Gegenwart.

Die eigentliche Kunst des Popchors liegt aber wohl doch im Sozialen. Er diszipliniert die Flexiblen und versammelt die mühselig Zerstreuten. Er bietet die Gegenerfahrung zur elektronischen Einsamkeit, die die Sänger tagsüber vor ihren Computern erfahren. Morgen müssen sie sich wieder als Konkurrenten um die paar Jobs und Aufträge gegenübertreten, die das bankrotte Berlin noch zu vergeben hat. Für die Dauer eines Konzerts allerdings lebt das Gefühl, der Gesang sei immer noch das Gefäß der Seele, und böse Menschen hätten keine Lieder.

Der Popchor Berlin tritt am 12. 10. im Berliner Club Zentral auf, Diercksenstr./Ecke Rochstr. Eine CD mit fünf Titeln ist bei Flittchen Records erschienen (www.popchor-berlin.de)