Noch immer gelten Biederbunt und Schnickschnacksüß als besonders kindgemäß.

Ein Lob für dieses Buch ist also auch ein Plädoyer für Reduktion, für die Kraft der plakativen Konzentration. Das Buch ist großartig dicht: Kein Wort darüber, warum der Tiger zwischen Bäumen herumstreift. Davon erzählt der Bildtext. Ein Aussagesatz und drei Fragen genügen, und schon hat die chiffreartige Tierfigur ein Innenleben und bringt Leben in die Landschaft.

"Wird er springen?" Die Antwort auf der nächsten Seite lautet: "Platsch!"

Als der Tiger auf einen Baum klettert, entdecken ihn die Dorfbewohner. Sie holen ein langes Netz und umzäunen den Baum. Was soll mit dem Tier geschehen?

Die Männer diskutieren, bis einer den Mut zum Einfachsten hat: "Wir lassen ihn frei." Die Handlung hat die Kraft von Felszeichnungen, ursprünglich und symbolisch: der Fluss als Grenze, das Einkreisen als Bann und schließlich die Umkehr der Menschen und des Tieres. Können wir die Faszination von Picasso und seinen Kollegen nachempfinden, als sie die so genannte Primitive Kunst für sich entdeckten? Doch sowenig die damals bewunderten afrikanischen Masken einfach naive Produkte waren, so wenig ist Pulak Biswas ein pinselnder Naturbursche. Der Grafiker aus Chennai (Madras) gestaltet seit bald 40 Jahren Kinderbücher. Als Tiger on a Tree 1999 auf der Biennale in Bratislava ausgezeichnet wurde, ehrte die Jury damit ausdrücklich Biswas' Gesamtwerk.

Auch Anushka Ravishankar ist keine Unbekannte. Vielmehr ist die Mathematikerin eine über Indien hinaus anerkannte Autorin für Kinder. Im eigenen Land gilt sie als Pionierin der Nonsensdichtung.

Sollte die Verkleinerung im deutschen Titel dem Buch über den Ladentisch helfen, dann sei dem neu gegründeten Blauburg Verlag das Marketingeln verziehen.