Die kritischsten Besucher sind die Vierzehnjährigen. Fürst Pückler - hä?

Die zauberhafte Welt der Moose - öde! Vierzehnjährige sind in einer Viertelstunde fertig mit dem Rundgang durch die soeben eröffnete Biosphäre Potsdam, die ja zunächst einmal nichts anderes ist als ein großer Glaskasten auf dem Gelände der Bundesgartenschau 2001. 200 Meter lang und an den Flanken, die teilweise mit Rollrasen bedeckt wurden, wie eingegraben, was an die militärische Vergangenheit des Geländes als Schießplatz der Roten Armee erinnert. In dem Kasten stecken bis zu 20 000 tropische Pflanzen, 100 Bäume sollen bis zu 12 Meter hoch ragen. Ein Gewächshaus eben.

Und eigentlich gibt es ja nichts Langweiligeres als Pflanzen. Sie stehen dumm rum, mal eitel bunt, meist einfach nur grün. Mit Glück riechen sie wenigstens. Vielleicht wachsen sie, vielleicht gehen sie gerade ein. Falls sie etwas tun, tun sie es unendlich langsam. Wer ein Gewächshaus in die Landschaft stellt, Pflanzen reinsetzt und auf 320 000 Besucher per annum wartet, die 9,50 Euro Eintritt bezahlen - der übersteht das erste Jahr wohl kaum, wenn die Show nicht stimmt. Das wissen die Betreiber der Potsdamer NaturErlebnisWelt selbst am besten. Die cxx edutainment, eine Tochter der Cinemaxx-Gruppe, betreibt seit zwei Jahren eine etwas kleinere Einrichtung in Hannover, das Regenwaldhaus. Und so viel ist sicher: Natur allein reicht nicht. Es braucht schon künstliche Gewitter, Videoscreens, Urwaldgeister, natürlich das Neueste vom Simulatormarkt, einen ordentlichen Schuss Erotik, dazu eine Familie von Nacktmullen und als Krönung Herrn Pückler.

Fürst Pückler. Notorischer Hallodri des 19. Jahrhunderts, Eissortenpatron, Herzensbrecher und Schöpfer des Parks von Schloss Branitz bei Cottbus. Er wurde zum Protagonisten der Erlebniswelt und zum tragenden Element der Show gewählt. Nicht weil Pückler etwas mit tropischen Pflanzen zu schaffen gehabt hätte oder mit Potsdam, sondern weil man einen Begleiter brauchte. Kaum eine Ausstellung ist heute mehr denkbar, ohne dass die Besucher einen Knopf im Ohr tragen und vorm Bauch einen Funkempfänger, der Sachwissen und allerhand Schnurren vermittelt. Einerseits Details über die tropische Würgefeige, die ihren Wirtsbaum erdrosselt. Andererseits Fürst Pückler zum Thema Frauen und Blumen. O-Ton: O, là ,là! Besonders im so genannten Preshow-Bereich muss Pückler die Leute bei Laune halten, die draußen warten, damit es drinnen nicht zu voll wird. Weil dieses so genannte Schlangenmanagement und die hanebüchene Rahmenhandlung von der Ausgrabung eines geheimen Pücklergartens niemand kapiert, wird viel gemeckert. Nur sehr aufmerksame Genießer kommen auf ihre Kosten: In einem Raum hört man von Band esoterisches Pianogeklimper und die Liebesseufzer von Damen, die Pückler zugetan waren.

Zeitaufwändiger und extrem kräftezehrender Sex - lohnt sich das?

Endlich ist man drin. Mit Glück startet just dann das Gewitter: Krach vom Band und Nebel aus Düsen. Dann scheint die Sonne wieder, was man aber nur erkennt, wenn es draußen düster ist. Vogelstimmen. Froschgequake. Feuchtwarm die Luft, für Ältere mit Kreislaufsorgen zuweilen ein Problem. Ein bisschen wirkt alles wie didaktisch wertvoll gepflanzt. Die grüne Hölle stellt man sich anders vor. Aber das wächst schon noch. Wer will, probiert an einer Pumpe aus, ob er so kräftig Wasser in die Höhe pumpen kann wie eine Mangrove (kann er nicht!). Und dann betritt man einen Bereich, der auch in botanischen Lehrbüchern vorkommt und vor dem bereits Goethe warnte, er könne bei keuschen jungen Menschen Verwirrung auslösen: die Sexualität der Planzen.

Hier geht es um Heikles wie Vielweiberei, gemeinschaftliche Zeugung, und ein Video mit Querverweisen zu kopulierenden Mäusen und Nashörnern stellt die Frage: Zeitaufwändiger und extrem kräftezehrender Sex - lohnt sich das?