Am Samstag gehört Papi uns, es wird also nicht gearbeitet - vor 40 Jahren war diese Gewerkschaftsforderung noch lange nicht erfüllt. Auch die ZEIT-Redaktion arbeitete am Sonnabendvormittag noch. Normalerweise versammelte sich das Politische Ressort um 11 Uhr im Zimmer von Gräfin Dönhoff, um die Ausgabe der nächsten Woche zu besprechen. Doch am Samstag, dem 27. Oktober 1962, war dies mit einigen Schwierigkeiten verbunden.

Es war kaum ein Herankommen an das Hamburger Pressehaus. Überall um den Speersort herum standen Mannschaftswagen der Polizei, Polizisten in Uniform, Polizisten in Zivil. An der Pförtnerloge neben den Paternostern wurde jeder streng kontrolliert. Passieren durften nur die Mitarbeiter von Morgenpost und Hamburger Echo, von Wild und Hund, stern und ZEIT und Spiegel - sie alle saßen damals im Pressehaus, einem Backsteinklotz aus der Nazizeit, in dem auch die Rotationsmaschine stand, Setzer und Drucker arbeiteten. Zur Spiegel-Redaktion selbst, im sechsten und siebten Stock, wurde niemand durchgelassen. Die Räume waren am Abend vorher, kurz vor halb zehn, in einer Nacht- und Nebel-Aktion von Angehörigen der Sicherungsgruppe Bonn gestürmt, besetzt, durchsucht, verschlossen und versiegelt worden. Im Konferenzzimmer, wo heute die ZEIT-Redaktion ihr Blatt plant, schlug der Erste Staatsanwalt Siegfried Buback von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sein Hauptquartier auf.

Mit Mühe und Not konnten elf diensthabende Redakteure in den frühen Morgenstunden noch die laufende Ausgabe Nr. 44 abschließen. Dabei stand hinter jedem Schlussredakteur ein Kriminalbeamter, die Türen mussten offen bleiben, und Telefonieren war verboten. Danach wurden die Spiegel-Büros auf mehrere Wochen zugesperrt. Die Schreibmaschinen blieben beschlagnahmt. Vor dem legendären Archiv des Nachrichtenmagazins - 17 000 Leitz-Ordner und 4000 Schnellhefter mit 5,5 Millionen Blatt Papier, 1000 Meter Mikrofilm, 6000 Bücher, 500 000 Fotos - schoben Polizisten Wache.

Die Obrigkeit hatte, Landesverrat und Bestechung witternd, mit harter Hand zugeschlagen. Von den Spitzenleuten des Spiegels saßen einige bereits in Haft, nach anderen wurde gefahndet. Die Bundesrepublik Deutschland hatte ihre erste große Krise. Ein Spiegel-Skandal? Eine Presseaffäre? Eine Staatskrise?

Eigentlich hatten wir uns alle für das übliche 11-Uhr-Treffen im Zimmer von Marion Dönhoff auf das Thema vorbereitet, das seit Tagen an jedermanns Nerven zerrte: die Weltkrise, die sich unausweichlich anzubahnen schien, seit die Amerikaner entdeckt hatten, dass Nikita Chruschtschow, der starke Mann der Sowjetunion, auf Kuba Abschussrampen für Mittelstreckenraketen bauen ließ, die mit ihren Atomsprengköpfen einen großen Teil des Territoriums der Vereinigten Staaten erreichen konnten. Wollte er mit einem gefährlichen Erpressungsmanöver sich doch noch West-Berlins bemächtigen, wie er dies seit 1958 vorhatte?

Seit Wochen schon knackt es auffällig in den Telefonen

Am 16. Oktober hatten amerikanische U2-Aufklärer fotografische Beweise für den Bau der Raketenstellungen mitgebracht, am 19. Oktober verhängte Präsident John F. Kennedy eine "Quarantäne" über die Castro-Insel. Hunderte von US-Kriegsschiffen, 1000 Flugzeuge, 140 000 Mann Bodentruppen standen bereit, der Seeblockade Durchschlagskraft zu geben und notfalls in Kuba zu intervenieren. Der sowjetische Frachter Poltawa dampfte mit seiner Ladung Atomraketen dem US-Blockadering entgegen. Kennedy veranschlagte die Wahrscheinlichkeit, dass es Krieg gäbe, auf 1 : 3 bis 1 : 1. Sein Sonderbotschafter Dean Acheson unterrichtete Bundeskanzler Konrad Adenauer am 20. Oktober über die Krise. Die Bundeswehr wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Zwei Tage darauf bekundete der US-Präsident im Fernsehen seine Unbeugsamkeit. Moskau müsse den Bau der Raketenstellungen abbrechen und die Poltawa heimbeordern. Kennedy warnte: Die Welt stehe at the abyss of destruction - am Rande eines Abgrunds der Zerstörung.