In den vergangenen Tagen und Wochen ist - endlich - eine öffentliche Diskussion über das hochschulpolitische Großprojekt der deutschen Wirtschaft, die European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin, in Gang gekommen. Diese Diskussion konzentrierte sich auf die finanziellen Schwierigkeiten des Projekts und seine wachsenden Ansprüche an die öffentlichen Haushalte.

Die aber sind nur ein Teil des Problems. Eine gründlichere Analyse muss zu dem Schluss kommen, dass dieses Projekt nicht nur wirtschaftlich außerordentlich riskant, sondern darüber hinaus hochschulpolitisch kontraproduktiv und wissenschaftlich fragwürdig ist.

Für das Projekt ist bis jetzt kein realistischer Wirtschaftsplan bekannt. Die bisher eingeworbenen Mittel liegen nach letzten Berichten bei 75 Millionen Euro. Die immer wieder hinzugerechneten 25 Millionen Euro der Hertie-Stiftung sind für ein gesondertes und selbstständig konzipiertes Hertie Institute for Public Management in Europe vorgesehen. 75 Millionen Euro würden als Kapitalstock allenfalls knapp 4 Millionen Euro pro Jahr erbringen, wahrscheinlich eher weniger, weil bei gutem Stiftungsmanagement ein Teil der Erträge als Inflationsschutz reinvestiert werden muss. Zum Vergleich Zahlen aus anderen Hochschulen: Die kleine und arme Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) hat ein Jahresbudget von rund 18 Millionen Euro; die Stanford Business School, an deren Rang die ESMT sich orientieren will und die eine in etwa vergleichbare Größe hat, verfügt im Jahr über 90 Millionen Dollar, von denen rund 25 Prozent aus den Erträgen des Kapitalstocks von etwa 510 Millionen Dollar stammen, der Rest aus Studiengebühren (circa 55 Prozent) und aus Spenden (circa 20 Prozent). Die bisherigen Einwerbungserfolge erlauben für das laufende Spendenaufkommen der ESMT keine allzu optimistischen Prognosen, also bleiben Studiengebühren als Hauptquelle zur Deckung der erheblichen Finanzierungslücke - in der im Übrigen Instandsetzungs-Anschaffungs- und andere investive Kosten noch gar nicht berücksichtigt sind.

Bei der Bewertung dieser Situation sind zwei Überlegungen wichtig. Zum einen: Wenn man eine vorsichtshalber abgespeckte Version der Kostenrechnung der Stanford Business School sowie 500 voll zahlende Studierende pro Jahr an der ESMT und ein regelmäßiges, aber mäßiges Spendenaufkommen zugrunde legt, würden sich für die ESMT Studiengebühren zwischen 100 000 und 150 000 Euro pro Jahr und Studierendem errechnen - immerhin das Drei- bis Fünffache der bereits erklecklichen Studiengebühren in Stanford. Dort zahlten die Studenten im Studienjahr 200½002 31 000 US-Dollar. Zum anderen: Inzwischen be- und entstehen an einer zunehmenden Zahl deutscher öffentlicher Hochschulen unter geschickter Nutzung gestufter Abschlüsse weiterführende Ausbildungsangebote in Business-Management. Sie brauchen an Qualität, Internationalität und Profilierung keinen Vergleich zu scheuen, sind von soliden und dauerhaften Forschungskapazitäten wissenschaftlich untersetzt und weisen in ihrer Hochschullehrerschaft ein hohes Maß an Kontinuität auf. Die Studieninteressenten von heute und morgen - und zwar die deutschen wie die ausländischen - werden diese Angebote auch kennen und mithilfe des Studienführers des Centrums für Hochschulentwicklung oder anderer Quellen einzuschätzen wissen. Sie werden sich zunehmend fragen, weshalb sie denn eigentlich extrem hohe Studiengebühren für eine Ausbildung zahlen sollen, die sie jetzt und in naher Zukunft in München, Karlsruhe, Dresden oder Darmstadt in durchaus ähnlicher Qualität und mit ähnlicher Akkreditierung kostenlos - und selbst bei der Einführung von Studiengebühren sehr viel kostengünstiger - bekommen können.

Die Wirtschaftlichkeitsrechnung und die Marktlage unterstreichen das hohe Risiko, das die ESMT finanziell eingeht. Die private Universität Witten-Herdecke hatte in ihrer Anfangszeit sowohl ein erheblich solideres Wirtschaftskonzept als auch eine bessere Marktposition - und hat sich schließlich doch der Finanzierung des Landes Nordrhein-Westfalen anvertrauen müssen.

Das Projekt ESMT ist darüber hinaus hochschulpolitisch kontraproduktiv. Das in der Vergangenheit oft genug auch von mir als hoffnungslos aufgegebene Modell "Öffentliche deutsche Hochschule" ist inzwischen auf dem besten Wege, seine Reform- und Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Das ist vor allem für viele Professoren noch ein weiter Weg, aber die Ersten haben ihn beschritten und dabei eindrucksvolle Ergebnisse erzielt. Man braucht sich dazu nur die Ergebnisse etwa des best practice-Wettbewerbs des Centrums für Hochschulentwicklung oder der Förderprogramme von Stifterverband oder VW-Stiftung anzusehen. Die bereits erfolgten Strukturveränderungen wie Deregulierung, Dienstrechtsreform, leistungsgerechte Besoldung und neue Studiengänge und die demnächst anstehenden Reformen (zum Beispiel Zulassungsöffnung und sozialverträgliche Studiengebühren) werden diesen Prozess weiterbefördern. Was als hochschulpolitische Strategie einmal sinnvoll gewesen sein mag, nämlich durch private Gründungen Reformbereitschaft im öffentlichen Hochschulwesen zu wecken, ist längst überholt; es bleibt allenfalls noch die Belebung des Wettbewerbs - und auch damit ist es nicht allzu weit her. Das hat kürzlich erst die Bewertung internationaler privater Hochschulen in Deutschland durch eine Jury des Stifterverbandes gezeigt, die mit dem Fazit "Licht und Schatten" gerade bei den privaten Business-Schools zum Teil erhebliche Defizite in Innovation, Breite und Forschung festgestellt hat. Den "Mehrwert", der eigentlich aufgrund der im Vergleich zu den öffentlichen Hochschulen besonders günstigen Bedingungen zu erwarten war, bewertete die Jury als relativ bescheiden.

Dahinter aber steckt eine noch grundsätzlichere Dynamik. Rein private Hochschulen, die über hoch spezialisierte Nischen und ein gleichsam abonniertes Publikum hinausgehen, werden in Deutschland nicht tragfähig sein - genauso wenig übrigens wie in den USA, wo die bestehenden privaten Universitäten wie Harvard und Stanford sich ganz bestimmten, nicht beliebig wiederholbaren historischen Umständen verdanken. Die Zukunft der deutschen Hochschullandschaft wird den institutionellen Mischformen gehören, in denen öffentliche Rechts- und Finanzierungsformen mit privatrechtlichen und privat finanzierten Konstruktionen eine symbiotische Verbindung eingehen, je einfallsreicher und variabler, desto besser - und genau parallel zu den Entwicklungen in den USA, in denen die öffentlichen Hochschulen immer "privatere" Züge annehmen und die privaten sich immer mehr in den öffentlichen Bereich begeben.