Capellan: Können Sie dem Zorn des Kanzlers folgen?

Simonis: Alle haben vor der Wahl gewusst – und das war ja zum Teil auch Wahlkampfthema der Opposition -, dass wir in einigen Bereichen, bei der sozialen Sicherung und bei anderen Sachen zu wenig Geld haben, um unsere Aufgaben zu machen. Die Länder sagen übrigens schon seit langem, dass sie Hilfe brauchen, weil sie bestimmte Formen der Daseinsvorsorge, also bessere Schulversorgung, Universitäten ausbauen, fast gar nicht mehr aufrechterhalten können, weil es uns so schlecht geht. Alle wussten also, dass etwas passieren muss, und deswegen ist natürlich dieser kollektive Aufschrei auch ein bisschen sozusagen eine Karte in dem Spiel, wer gewinnt und wer ist der Böse?

Capellan: Haben Sie denn Verständnis dafür, dass man jetzt auch der SPD Verlogenheit vorwirft, nämlich in dem Sinne, dass man vor der Wahl von Steueranhebungen nicht reden wollte, und sie jetzt doch kommen?

Simonis: Ich habe vor der Wahl schon immer von Steueranhebungen geredet, Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer, das sind zwei Ländersteuern.

Capellan: Sie haben viel Ärger bekommen...

Simonis: Ich habe viel Ärger gekriegt, aber es ist gesagt worden. Aber ich bin ja nicht irgendwer, sondern ich gehöre der SPD an, bin Ministerpräsidentin. Gut, ich habe eine Kopfwäsche abgekriegt, aber immerhin habe ich das Maul nicht verboten gekriegt, und damit war klar: Es gibt innerhalb der SPD Überlegungen, die Haushaltssituation zu entspannen und zu verbessern. Ich habe übrigens gesagt - und ich habe an der Stelle auch Zustimmung bekommen -, dass wir etwas für die Einnahmeseite der Gemeinden tun müssen, die nämlich auch nicht mehr in der Lage sind, ihre wichtigsten Daseinsaufgaben zu erfüllen.

Capellan: Das heißt also Sie meinen, man hätte damals ehrlicher sein müssen?