Auch auf der diesjährigen Buchmesse gab es wieder alles und sein Gegenteil, die finsterste Aufklärung und den erbaulichsten Aberglauben, man sollte Schülern den Besuch der Messe verbieten, sie lernen dort an keinem Stand, was nicht schon vom nächsten bestritten und verleugnet würde. Das Phänomen ist in der Physik als Auslöschung bekannt. Sendet man zu einem Sinuston (jenes widerliche Geräusch, das einem Hörsturz folgt) seine genaue, nur wellenversetzte Entsprechung, dann entsteht vollkommene Stille. Nach diesem Prinzip therapiert man Tinnitus-Patienten mit einem kleinen Lautsprecher im Ohr. Man könnte aber auch eine Beethoven-Sinfonie gleichzeitig aus zwei riesigen Lautsprechern, aber mit minimaler Zeitversetzung ausstrahlen, und würde - nun eben: wieder nichts hören. Dieses Nichts ist, vom Elektroakustischen ins Intellektuelle übersetzt, just der metaphysische Sound der Buchmesse, von dem wir uns besorgt fragen, ob er der zeitgenössischen Bildungskatastrophe nicht gefährlichen Vorschub leistet. Nehmen wir einmal Léon Bloy, diesen katholischen Reaktionär der zwanziger Jahre, den man, seiner antimodernen Wutanfälle halber, auch als die vorweggenommene Antwort des Vatikans auf Houellebecq verstehen könnte. Bloy, das wäre mal eine passende Dröhnung für unsere Jugend, die doch überall nach Genussgiften Ausschau hält. Aber leider, wie die Messe nun einmal ist, wird, wenige Schritte von den Bloy-Nachdrucken entfernt, gleich schon Hans Küng angeboten, der die Religion für den liberalen Globetrotter wieder weichspült. Das ist, als wollte man zum LSD sofort das Valium einnehmen, das doch nach alter Väter Sitte erst im Notfall, wenn der Glücks- zum Horrortrip geworden ist, gespritzt werden sollte. Aber so funktioniert wohl, zu unserer aller Nachteil, die berühmte liberale Gesellschaft: Kein Schmerz kann länger als zwei Sekunden ausgehalten werden. In Japan, wo jedes Ge- räusch auch als Klingelton fürs Handy zu haben ist, kann man sich selbst das Rauschen der Klosettspülung aus dem Netz herunterladen. Was aber, wenn ein solchermaßen eingerichtetes Mobiltelefon just in dem Moment klingelt (beziehungsweise eine Millisekunde später), da auf der Toilette, vor der Sie warten, der gegenwärtige Benutzer sein Geschäft beendet? Da hören Sie wieder gar nichts! Da schöpfen Sie keine Hoffnung, da gehen Sie vielleicht weg und resignieren, obwohl die Befreiung unmittelbar bevorsteht! Und sehen Sie: Das ist das Schicksal vorrevolutionärer Situationen in der liberalen Gesellschaft. Sie werden einfach nicht bemerkt. Darum: Nieder mit der Buchmesse!