ZEIT-Grafik/Quelle: IVW II/2002

Eine große Krise erkennt man manchmal an kleinen Dingen. Vor ein paar Monaten gab es in einigen Büros der Frankfurter Rundschau (FR) kein wichtigeres Thema als ein Inserat, das der Bundesausschuss Friedensratschlag aus Anlass des Deutschland-Besuchs von US-Präsident George W. Bush in der FR schalten wollte. Darin hieß es, die Amerikaner führten "unter dem Vorwand des ,Kampfes gegen den Terror'" einen erbarmungslosen Krieg in Afghanistan. Wohl wegen dieser Formulierung lehnte der Verlag den Abdruck der Anzeige ab.

In der Redaktion stieß er damit auf teils heftigen Widerstand. Denn im Bundesausschuss Friedensratschlag haben sich die Reste der deutschen Friedensbewegung organisiert. Die zählte lange zu den zentralen Zielgruppen der Rundschau.

Zudem verpflichten die publizistischen Grundsätze des Blattes die Redakteure, sich für den Frieden einzusetzen. Mit der Unterschrift unter ihren Arbeitsvertrag akzeptieren sie, dass "die Grundhaltung" der FR "sozial und liberal" ist, dass sie "für eine ständige Reform unseres Gemeinwesens" eintritt, "um es im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung moderner, liberaler und sozial gerechter zu gestalten". Die Rundschau ist - von den Titeln des konservativen Axel Springer Verlags und der linken tageszeitung abgesehen - die einzige große deutsche Zeitung, die ihren publizistischen Auftrag explizit als politische Richtungsentscheidung versteht.