Langsam fährt der Polizeiwagen durch die afroamerikanischen Ghettos von Bedford-Stuyvesant, einem der ärmsten Stadtteile von New York. Die beiden Cops sind unterwegs auf Nachtstreife, fahren vorbei an heruntergekommenen Mietskasernen und halten Ausschau nach Drogendealern. Sie ignorieren die feindseligen Blicke der Anwohner und diskutieren, ob sie am nächsten Donutladen halten sollen. Während sie das Thema ausgiebig erörtern, wird über Polizeifunk eine Messerstecherei gemeldet. Schnell schalten sie Blaulicht und Sirenen an und geben Gas.

Ihr Mitfahrer Steffan Heuer versucht, sich auf dem Rücksitz zu halten. Heuer, der eifrig in seinen Notizblock schreibt, studiert an der Journalistenschule der Columbia University in New York. Die Fahrt im Streifenwagen ist Teil seiner Ausbildung zum Reporter.

Die Columbia Graduate School of Journalism gilt als Talentschmiede des amerikanischen Journalismus. Im Jahr 1912 wurde sie von dem amerikanischen Zeitungsmagnaten Joseph Pulitzer gegründet. In seinem Namen vergibt die Schule jedes Jahr die Pulitzerpreise für Journalismus und Literatur. Bis heute steht die Schule in dem Ruf, die beste Journalistenausbildung der USA anzubieten. Entsprechend groß ist die Zahl der Bewerber. Trotz der hohen Studiengebühren von 30 000 Dollar pro Jahr erreichen die Journalistenschule jedes Jahr Tausende von Bewerbungen. In einem aufwändigen Auswahlverfahren werden um die 200 Studenten pro Jahrgang ausgewählt, davon etwa 30 Ausländer aus der ganzen Welt.

Steffan Heuer besuchte die Columbia Graduate School of Journalism 1995, heute arbeitet er in New York als US-Korrespondent für das Hamburger Wirtschaftsmagazin brand eins. "Besonders die ersten Wochen werde ich nie vergessen", sagt Heuer. "Wir wurden Hals über Kopf in den Hexenkessel New York geworfen, waren gezwungen, uns diese Stadt in wenigen Wochen anzueignen."

Professor Anne Nelson, die verantwortlich für die Auswahl und Betreuung der ausländischen Studierenden ist, weist darauf hin, dass die Ausbildung stark praxisorientiert ist: "Besonders im ersten Semester liegt der Schwerpunkt ganz auf dem street reporting." Auf der Suche nach Themen verschlägt es die zukünftigen Reporter in alle möglichen Stadtviertel der Metropole. Ob sie über Erweckungsgottesdienste in Harlem recherchieren, modebewusste New Yorkerinnen in den Schönheitssalons auf der Park Avenue interviewen oder über illegale Einwanderer schreiben - die Professoren erwarten, dass ihre Studenten jede Woche interessante Artikel abliefern.

Die Journalistenschüler müssen unter Zeitdruck Meldungen verfassen und simulieren mit ihren Professoren Pressekonferenzen. Sie durchlaufen sie in dem zehnmonatigen Programm Kurse zum Radio-, Fernseh- und Online-Journalismus und können Seminare über literarisches Schreiben, oder Auslandsjournalismus belegen. Im zweiten Semester geben die Studenten eine eigene Zeitung heraus, den Bronx Beat, schreiben eine 20-seitige Abschlussreportage. Die Professoren, allesamt Praktiker mit langjährigen Berufserfahrungen bei New York Times,Newsweek oder dem New Yorker, versuchen, das Äußerste aus ihren Studenten zu holen. Chronisches Schlafdefizit ist durchaus erwünscht, die jungen Journalisten sollen die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit kennen lernen. Gleichzeitig ist die Betreuung sehr intensiv, die Lehrer redigieren und besprechen die Artikel mit ihren Studenten in Einzelgesprächen.

Die Professoren sorgen aber auch dafür, dass die Journalistenschule ihrem Ruf vom "Boot Camp" - der Drillanstalt des amerikanischen Journalismus - gerecht wird. Wer wiederholt zu spät zum Unterricht erscheint oder seine Artikel nicht rechtzeitig abliefert, fliegt. Dieser autoritäre Stil ist nicht jedermanns Sache, aber, so erklärt Steffan Heuer: "Selbstdisziplin haben sie mir beigebracht." Wie viele deutsche Absolventen ist Heuer nach seinem Abschluss in den USA geblieben und hat zunächst als freier Journalist gearbeitet. "Auch wenn ich anfangs oft nicht wusste, wie ich meine Rechnungen bezahlen sollte, habe ich meinen Entschluss, in New York zu bleiben, nie bereut."