Diplomatischer Dienst, das klingt nach grauhaarigen Herren in tadellos sitzenden Anzügen, die mit "Exzellenz" angeredet werden. Die Limousine fährt vor, der Chauffeur hält die Tür auf, und sie eilen eine Freitreppe hoch. Drinnen klingen Champagnergläser, und die Gattin ist heute ja wieder ganz reizend gekleidet. Dann hält der Botschafter eine Rede, und später verabredet er sich für den nächsten Tag zum Golfspielen - Kontakte pflegen. "Cocktailschwenken" nennen das manche abfällig, aber Diplomaten wissen, es gehört dazu. Sie tun es nicht für sich, sie tun es für ihr Land.

Um die tausend Bewerber melden sich jedes Jahr zu den Prüfungen für die Laufbahn des "höheren Auswärtigen Dienstes", an deren Ende eine Stelle als Botschafter oder Generalkonsul winkt. 120 von ihnen bestehen die schriftlichen Tests und dürfen zu den zweitägigen Vorstellungsgesprächen antreten, in denen die 40 Besten ausgewählt werden. Diese werden für ein Jahr auf die Diplomatenschule in Bonn-Ippendorf geschickt, und während dieser Zeit führen sie den Titel Attaché (männlich) beziehungsweise Attachée (weiblich). Wenn alles gut geht - und das geht es für die, die so weit gekommen sind, fast immer - werden sie danach zu Beamten auf Lebenszeit ernannt.

Günter Sautter gehört zu denen, die es geschafft haben. "Auswärtiges Amt" steht auf seiner Visitenkarte, und darunter, etwas kleiner: "Dr. Günter Sautter, Attaché". Der junge Attaché trägt einen tadellos sitzenden, dunkelblauen Anzug, dazu ein hellblaues Hemd und Krawatte. Sautter ist 28 und hat ein Germanistik- und ein Politikstudium mit besten Noten absolviert. Er war ein Jahr in England, ein halbes in Harvard, seine Promotion in Germanistik über das Denken zwischen Mauerfall und dem 11. September (summa cum laude) hat er neben dem Politikstudium fertig gestellt. Außerdem blieb ihm noch genügend Zeit für Praktika in Peking (Goethe-Institut), New York (Vereinte Nationen) und Berlin (Auswärtiges Amt). Seine Doktorarbeit kommt demnächst als Buch heraus, in der Zeit zwischen Diplomatenprüfung und Zusage arbeitete er ein halbes Jahr bei der Unternehmensberatung McKinsey in München.

"Ich wollte was machen, bei dem man möglichst viel von der Welt mitbekommen kann", sagt Günter Sautter und nippt an einem Eistee aus dem Coffeeshop des Auswärtigen Amtes. Sautter würde am liebsten für einen Wirtschaftsposten nach Peking gehen, weil es ein Land im Umbruch ist, in dem sich einiges bewegen lässt. "Politik in Lateinamerika" fände er aber auch nicht schlecht, allein schon wegen seiner Freundin, die aus Nicaragua kommt.

Bei ihren Einsatzorten dürfen die Diplomaten Wünsche anmelden, die Erfüllungsquote liegt derzeit bei über 70 Prozent. Letztlich entscheidet aber allein das Auswärtige Amt. Darum kommt es vor, dass Günter Sautter unruhig schläft. Wohin werden sie ihn schicken? Er weiß es nicht.

"Wenn Sie nicht für alles offen sind, werden Sie auch nicht glücklich", das bekommt man auf der Bonner Diplomatenschule beigebracht. "Ich nehme mir das zu Herzen", sagt Sautter.

Was auf die Diplomaten zukommt, wenn sie die Schule hinter sich haben, lässt sich in dem jüngst erschienenen, von Insidern verfassten Buch Auswärtiges Amt. Diplomatie als Beruf nachlesen: Zähe Verhandlungen in rauchgeschwängerten, fensterlosen Räumen bei den UN in New York, Telefonate mit Entführern deutscher Staatsangehöriger im Jemen, Verzweiflung angesichts des Chaos am Visaschalter in Peking. Der Kanzler der Botschaft in Ouagadougou, Burkina Faso, muss bei einem nächtlichen Tropengewitter eine Kollegin vor der Überschwemmung retten, dabei begann der Tag schon schlecht: "Ich betrete das ungekühlte Wohnzimmer, Hitze und Feuchtigkeit verpassen mir einen Schlag ins Gesicht. Schweißgebadet setze ich in der Küche einen Kaffee auf."