Wir sind leicht zu erkennen. Unsere Brust ziert ein Namensschildchen mit einem großen "K". "K" wie "Kompaktlasse". Die "volle Dosis", wie die Deutsche Journalistenschule (DJS) selbst ihre Ausbildung zum Redakteur nennt: neun Monate theoretische Grundlagen, danach Praktika in verschiedenen Medien. Die Schule erfüllt gleich vier Wünsche auf einmal: Print-, Hörfunk-, Online- und Fernsehjournalismus kann man hier lernen. Für die Journalistenausbildung ist die DJS eine der begehrtesten Adressen.

Sechzigmal ist das Namensschild mit "K" heute, an einem Freitag im April, am Altheimer Eck verteilt worden. Der Buchstabe unterscheidet uns von den ebenfalls angetretenen 110 Bewerbern für die kombinierte Ausbildung aus Diplomstudiengang und Journalistenschule. Die tragen ein "J" und sind meist jünger. In den nächsten zwei Tagen entscheidet es sich, wer im Herbst das heiß begehrte Studium anfangen kann. "K" wie Konkurrent.

Die Aufregung hat den Raum aufgeheizt. Ich schaue mich unter den roten Gesichtern um. Neben mir ein "K" aus Kiel. Er wirkt gelassen. Der ist sicher besser als ich. Einer von denen, die schon mit 15 die Schülerzeitung geleitet haben. Schräg vor mir sitzt eine füllige Blondine, die fast schon eingenickt ist. Die hält nicht durch. Oder doch? Die Nervosität steigt, durchatmen.

Dann kommt Mercedes Riederer, die Schulleiterin, und lindert die Qualen. "Wenn Sie es bis hierhin geschafft haben, dann können Sie stolz auf sich sein." An die 2000 bis 3000 Bewerbungsunterlagen schickt die Schule raus, rund 700 Reportagen kommen zurück, und nur 170 Jungschreiber wurden zur zweiten Runde heute eingeladen. Nach dem ermunternden Start erklärt die zierliche Frau, welche Gefahren uns erwarten. Ein Bildertest, ein Wissenstest, ein Artikel und am morgigen Samstag ein Gespräch von jeweils drei Bewerbern mit acht Journalisten. "Ich sage bewusst mit, nicht gegen."

Vor drei Wochen kam der erste, heiß ersehnte Brief. Endlich. "Wir möchten Sie zum näheren Kennenlernen nach München bitten." Die Euphorie dauerte einen Tag, dann setzte der Ausnahmezustand ein: Wie bereite ich mich vor? Die Fragebögen der vergangenen Jahre kann man im Internet abrufen. Ich habe sie so oft durchgearbeitet, dass ich sie auswendig kann. Aber ich muss ja aktuell Bescheid wissen. Ich lese zwar täglich Zeitung, aber allzu oft nur das, was mich wirklich interessiert, und dazu gehört nicht unbedingt das Testwissen der Journalistenschulen.

Also: Informationen sammeln: stern-Chronik, Spiegel-Jahresrückblick, SZ-Wochenchronik und jede Menge Recherche im Netz. Ich habe viel erfahren. Manchmal sogar mehr, als mir lieb ist: Ich weiß jetzt, wie viel Sven Hannawald wiegt und welcher Designer Nicole Kidmans Kleid von der Oscar-Verleihung kreierte. Ich habe sogar die Namen der Nobelpreisträger für Medizin, Chemie und Physik in mein Hirn gemeißelt. Habe bekannte Politiker aus dem Netz gefischt und ihr Konterfei auf Karteikarten geklebt, da ich mir Gesichter nicht merken kann. Ich kann die Namen der momentanen Ministerpräsidenten und sämtlicher Bundespräsidenten der Geschichte sowie die Gegner der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2002 herunterbeten. Mir kann nichts passieren.

Bis auf den Bildertest. Zwölf Prominente erkennen, in zehn Minuten. Vom zweiten Blatt lächelt mich ein Mann mit Feuerwehrhelm an, den ich schon tausendmal gesehen habe. Dieser Vollbart, den erkennt jeder. Nur ich leider nicht. Keine Ahnung.