Als Friederike Kluge vor neun Jahren begann, Jura zu studieren, dachte sie: "Damit kann ich beruflich viel machen und gutes Geld verdienen." Sechs Jahre lang quälte sie sich durch Paragrafen, bekam zwei Kinder, lernte trotzdem "wie blöd" und machte schließlich zwei befriedigende Examen. Das reichte nicht, weiß sie jetzt, eineinhalb Jahre später und arbeitslos.

Nicht einmal für den Job in der Rechtsabteilung vom Bezirksamt, den die 29-Jährige so gern gemacht hätte. Aber das Land Berlin stellt wegen der Haushaltssperre niemanden ein. Sie hat sich dutzendfach beworben, bei Gewerkschaften, Ministerien, Filmproduktionsfirmen, bei der Kirche und im Bundestag - nichts klappte. "Wer will schon eine Frau mit zwei Kindern und ohne Prädikate?", sagt sie deprimiert und jobbt jetzt erst einmal in der Verwaltung vom Hebbel-Theater, für ein Praktikantengehalt.

Karriereturbo Jura - das war einmal. Die Wirtschaftsflaute hat auch die Rechtswissenschaftler erwischt. Nachdem der durch die Wiedervereinigung ausgelöste Einstellungsboom vorbei ist, spielt der öffentliche Dienst als Arbeitgeber kaum noch eine Rolle. Auch in der Industrie wird kräftig gespart, Rechtsabteilungen werden verkleinert, zum Teil aufgelöst. Nach dem Zusammenbruch der New Economy gehen weniger Firmen an die Börse oder fusionieren, da braucht es auch weniger Rechtsberatung. "In Unternehmen, wo früher drei Juristen saßen, sitzt heute nur noch einer, weil Unternehmensbereiche zusammengestrichen wurden", sagt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV). Auch der Berufseinstieg als Anwalt ist schwieriger geworden. "Letztlich gibt es einfach zu viele Juristen", sagt Peter Hamacher vom Deutschen Anwaltverein

So stieg die Zahl der arbeitslos gemeldeten Juristen in diesem Sommer im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent. Ende Juli waren bei der Bundesanstalt für Arbeit 7241 Rechtswissenschaftler arbeitslos gemeldet - der höchste Stand seit Jahren. Die wahre Zahl dürfte noch höher liegen, denn viele Absolventen flüchten vor der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit. Die Zahl der neu zugelassenen Rechtsanwälte ist im letzten Jahr nochmals um knapp 6000 gewachsen, eine Steigerungsrate von mehr als 5 Prozent. Jeden Monat kommen rund 500 neu hinzu. Die Bundesrechtsanwaltskammer geht davon aus, dass aktuell rund 120 000 Anwälte in Deutschland tätig sind. Doch die Fluktuation ist hoch. Etwa 15 Prozent aller jungen Anwälte müssen nach einem Jahr ihr Kanzleischild wieder abschrauben. "Die Luft wird immer dünner für die Jüngeren", sagt der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer, Bernhard Dombek. Manche Anwälte, die sich mit einer Wohnzimmerkanzlei allein durchschlagen, verdienen weniger als 2000 Euro im Monat, von denen sie auch noch Sozialabgaben und Versicherungen zahlen müssen. Dombek geht davon aus, dass die Situation sich in den nächsten Jahren wegen der nach wie vor hohen Studienanfängerzahlen im Fach Rechtswissenschaft nicht ändern wird. Er hofft aber, dass durch die Reform der Juristenausbildung mit einer stärker anwaltsbezogenen Ausbildung die Nachwuchsadvokaten besser auf ihren Beruf vorbereitet werden. Denn obwohl etwa 80 Prozent der Absolventen in Kanzleien gehen, bilden die Hochschulen immer noch vorwiegend fürs Richteramt aus. Dementsprechend schlecht vorbereitet starten die Juristen in den Anwaltsberuf - und scheitern. Ihnen fehle kaufmännisches Denken und Durchhaltevermögen, kritisiert Peter Hamacher. Nachhilfe verspricht da etwa der Weiterbildungsstudiengang Einführung in den Anwaltsberuf, den die Fernuni Hagen anbietet.

Noch bis Mitte der neunziger Jahre galt der öffentliche Dienst als wichtiger Abnehmer von Jura-Absolventen. Vor allem im Osten wurden Hunderte neuer Richter eingestellt. Jetzt ist alles zu. Knapp 21 000 Richter sind in Deutschland tätig. Doch die Zahl sinkt rapide. Es wird kaum noch neu eingestellt. Denn in vielen Bundesländern gilt wie in Berlin ein Einstellungsstopp. Für die wenigen, die der Staat noch nimmt, schraubt er die Ansprüche weiter hoch: Wo etwa vor zwei Jahren noch 17 Punkte aus beiden Examina reichten, müssen es jetzt 18 sein.

Die Punkte im Examen - mit ihnen steht und fällt eine juristische Karriere. Das ist nicht neu, doch die Schere zwischen denen, die Prädikatsexamina schaffen - das sind etwa 10 bis 15 Prozent in einem Jahrgang -, und denen, die nicht über "befriedigend" hinauskommen, klafft in der derzeitigen Wirtschaftslage immer weiter auseinander. Während ein Großteil der Jura-Absolventen sich abmüht, auf dem Arbeitsmarkt Tritt zu fassen, werden die wenigen Einser- und Zweierjuristen von rund einem Dutzend internationaler, wirtschaftsberatender Großkanzleien heftig umworben.

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