Koffer packen
Hanna Constantin

Ihre Hände haben unter dem neuen Leben am meisten gelitten. Überall dort, wo die Schere ins Fleisch gestochen hat, sind noch kleine weiße Linien zu sehen. Jedes Mal, wenn sich Hanna Constantin nun eine Traube in den Mund schiebt, muss sie an die spitzen Werkzeuge denken, mit denen sie zwei Monate lang die Reben bearbeitet hat. "Sogar in die Nase habe ich mich geschnitten", sagt sie und muss lachen.

Bevor die 30-jährige Grafik-Designerin aufbrach, um in Mildura, im Südosten Australiens, ein Leben als Erntehelferin zu führen, lagen ihre Hände gut gepflegt auf einer Computertastatur in Heidelberg und zauberten Bilder und Schriften auf den Monitor. Lange Zeit lief für Hanna Constantin alles "wie am Schnürchen". Sofort nach dem Abitur begann sie an der Fachhochschule für Technik und Gestaltung in Mannheim zu studieren, machte mit 25 ihr Diplom, arbeitete danach in Weinheim in einer Werbeagentur und war mit 29 schon Art-Directorin der Internet-Firma DealTime. "Ich war der Meinung, ich hätte den Titel verdient, also habe ich einfach gefragt", erinnert sich Hanna Constantin. Damals, die New Economy boomte, war nichts unmöglich. Ihr Leben beschleunigte sich wie bei einer "Achterbahnfahrt". "Die Dinge geschahen viel spontaner, schneller, Ideen wurden einfach umgesetzt, man hat sofort Ergebnisse gesehen."

Irgendwann blieb der Zeitraffer plötzlich stehen, Hannas Pulsschlag normalisierte sich, das Ende kündigte sich an. DealTime Deutschland überlebte die Pleitewelle der New Economy nicht. "Die Nachricht hat mich nicht erschüttert. Es hat lange alles darauf hingedeutet", erinnert sich Constantin. Sechs Monate Kündigungsschutz standen in ihrem Vertrag. Das war für Start-up-Verhältnisse regelrechter Luxus. Für sie war es bezahlte Zeit zum Nachdenken darüber, was sie machen wollte - aus dieser ersten Arbeitslosigkeit ihres Lebens. Sich hektisch um neue Jobs bewerben, wie die anderen das taten? Oder weggehen, weit weg, und der Krise den Rücken kehren? Englisch lernen in Australien! Das einjährige "working holiday"-Visum bekamen nur Leute bis 30, Hanna war gerade 29 Jahre alt. Ihre letzte Chance!

Am 12. Februar 2002, nach zwölf Tagen Arbeitslosigkeit, saß sie im Flugzeug nach Sydney. Sie kannte keinen Menschen in Australien. Sie wusste nicht, wovon sie leben sollte. Ihre Reiseschecks waren gerade mal 400 Euro wert, eine Notreserve. Hanna wollte ihr Geld selbst verdienen. Mit ihren Händen, auf den Obst- und Gemüseplantagen des weiten Kontinents. Das war Plan A. Nach Plan B wollte sie sich in den letzten sechs Monaten in Melbourne einen Job suchen, als Grafikerin.

Plan A funktionierte perfekt. Arbeit gab es genug. Irgendwas war immer reif, Unkraut wuchs ständig und überall. Die Jobs waren hart und schlecht bezahlt, aber die Plantagen lagen weit entfernt von Kneipen und Kultur, es gab wenig Anlass, Geld auszugeben. Also hat Hanna gespart, damit sich Hände, Rücken und Beine zwischen den Ernteeinsätzen eine Weile erholen konnten, dann gab es umso mehr Arbeit für die Augen: 16 000 Kilometer durch das rote Herz Australiens nach Darwin und an der Westküste entlang zurück in den Süden. "Bilder, die sich keinem beschreiben lassen, der nicht selbst hinsehen konnte", sagt Hanna.

Unterwegs hat sie ihre heutige "Mitbewohnerin" kennen gelernt. Eine 60-jährige lebenslustige Dame, die in ihrer Wohnung in Melbourne ein Zimmer für Hanna freigeräumt hat und mit der sie nun Herd und Kühlschrank teilt. "Wir kochen zusammen, und ich helfe ihr im Haushalt und im Garten. Dafür muss ich keine Miete bezahlen, nur Strom und Wasser", sagt Hanna Constantin. Im "Ameisenhaufen" Melbourne sucht sie nun Arbeit. Für die besten Angebote "bewerben sich oft 200 Leute, das ist nicht anders als in Deutschland".