Die Studentin Haryiye Genc ist deutsche Staatsbürgerin. Sie ist in Deutschland geboren. Ihr Deutsch ist perfekt, ihr Türkisch nicht. Aber als Haryiyes Mutter zur Unterzeichnung des Mietvertrages für die Studentenbude in Essen mit Kopftuch erschien, wollte die Vermieterin einen Rückzieher machen. "Sie hat mir auf einmal gesagt, sie habe ein Problem damit, an eine Türkin zu vermieten. Obwohl sie mir schon fest zugesagt hatte", berichtet Haryiye.

Die Wohnung hat sie nun doch noch bekommen. Und auch wenn sich die 25Jährige während ihres Bauingenieurstudiums bisher nicht aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt gefühlt hat, das neue Mentorinnen-Programmm an der Uni Essen hat sie dennoch interessiert. "Meduse ohne Grenzen" nennt sich das Projekt, das sich speziell an "Studentinnen mit Migrationshintergrund" richtet. "Diese jungen Frauen starten oft mit dem Bewusstsein ins Berufsleben, als Ausländerin stigmatisiert zu sein", sagt die Projektleiterin Renate Klees-Möller. "Häufig schätzen sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt viel schlechter ein, als sie tatsächlich sind."

Erste Lektion: Nicht alle auf der Baustelle sind lieb

Hier sollen Mentorinnen helfen. Sie stehen seit fünf bis zehn Jahren im Job, haben Erfahrungen gesammelt und können Tipps geben. Wie die Diplomingenieurin Claudia Groene. Sie hat vor sechs Jahren ihr Studium beendet, seit vier Jahren ist sie selbstständige Architektin in Wuppertal. "An der Uni hat man ja noch recht naive Vorstellungen, wie es im ,echten Leben' aussieht", erinnert sich Groene. Das Erste, was sie ihrer Mentee beigebracht hat, war, dass auf der Baustelle nicht alle lieb und nett zu einem sind. "Man muss sich - besonders als Frau - Respekt verschaffen." Ob die Situation ausländischer Frauen dabei nochmal eine besondere ist, kann Groene aus eigener Erfahrung zwar nicht beurteilen, "aber ich habe den Eindruck, dass die Rolle von Frauen und von Ausländern - egal, welchen Geschlechts - die gleiche ist: In vielen Firmen arbeiten sie eher im Verborgenen".

Zwölf Paarungen aus je einer Mentorin und einer Mentee haben sich Ende Juli erstmals zusammengefunden. Die Studentinnen stammen aus türkischen, griechischen, kroatischen oder bosnischen Familien. Insgesamt ist der Frauenanteil bei nicht deutschstämmigen Studierenden in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Bundesweit liegt er bei 44 Prozent, in der Ruhrgebietsstadt Essen sind es 48 Prozent. Als "Bildungspioniere" bezeichnet sie Klees-Möller. Häufig sind sie - wie Haryiye - die Ersten in der Familie, die eine Hochschule besuchen. "Vorbilder aus dem eigenen Umfeld, zumal weibliche, fehlen ihnen", sagt Klees-Möller. Eine Rolle, die nun die Mentorinnen übernehmen.

Wichtig ist, dass dabei die Chemie stimmt. Wer nimmt schon gern Ratschläge an von jemandem, der einem zutiefst unsympathisch ist. Und auch die Bereitschaft, Hilfestellungen zu geben, die andere in vorhandene Netzwerke einzubinden, hält sich in Grenzen, wenn man es der jungen Frau auf der anderen Seite des Tisches nicht wirklich gönnt. "Ich hatte anfangs schon Befürchtungen, dass wir uns nicht verstehen oder ich mich gar nicht traue, offen zu sprechen", sagt Haryiye, "aber wir waren uns auf Anhieb sympathisch und haben schon beim ersten Treffen auch über Privates gesprochen."

Neben Haryiye gibt es vier weitere türkischstämmige Teilnehmerinnen, die Bauingenieurwesen studieren. Damit scheinen sie wie der perfekte Beleg einer kürzlich veröffentlichten Studie, wonach in Nordrhein-Westfalen junge Frauen türkischer Herkunft dreimal so oft Ingenieurwissenschaften studieren wie Frauen deutscher Herkunft. Ein Grund mehr, gerade diese Gruppe Studierende zu fördern. Denn in Deutschland fehlen qualifizierte Ingenieure, Verbände bemängeln den geringen Frauenanteil in der Branche.