So hat es übrigens angefangen, das Bedürfnis, Stücke zu schreiben", heißt es bei Max Frisch in Montauk: "Ich sehe Körper, die spielen können, und ich möchte, dass sie mich spielen, dass meine Rede einen Körper bekomme", und wenn man jetzt für "schreiben" das Wort "inszenieren" einsetzte, wäre schon gut gesagt, warum Jossi Wieler zur Bühne kam und wurde, was er ist: Regisseur. Nach einer Weile am Sonntagstisch im so genannten Münchner Karl-Valentin-Musäum auf dem Münchner Isartor ergibt sich eher unvermittelt die Frage: "Frisch oder Dürrenmatt? Und Wieler sagt ganz schnell, fast hastig im Vergleich zu seiner sonstigen Rede, während der sich die Gedanken allmählich wie von selbst verfertigen: "Frisch. Auf jeden Fall Frisch. Da ist alles drin."

Jossi Wieler stammt aus Kreuzlingen am Bodensee, kommt also von der Schweizer Seite her, und das ist eine andere Welt, oder jedenfalls war es eine andere Welt, als er Anfang der sechziger Jahre immer mit dem Fahrrad in die Flötenstunde nach Konstanz gefahren ist. Er hat es am Rauch in der Luft gemerkt, wenn die Grenze hinter ihm lag - "der kam von den Kohleöfen, die hatten sie damals noch, keine Zentralheizung wie bei uns", sagt Wieler, der heute 51 Jahre alt ist. Ein "eher ängstliches Kind" war er, man merkt sich da mehr als die anderen.

Das erhabene Grauen als Witz

Vier Jahrzehnte später bekommt Wieler es am Theater mit einem Jugendlichen zu tun, der sich vor rein gar nichts fürchtet. Der zerbricht ein Schwert, als sei es lumpiges Plastik, führt einen Bären an der Nase, erschlägt einen Drachen und stürmt mir nichts dir nichts durch die Waberlohe - es ist Siegfried, Richard Wagners zweifelhafter "hehrster Held der Welt". Als der Intendant der Stuttgarter Oper, Klaus Zehelein, Wieler ausgerechnet diesen Teil der Ring-Tetralogie anbietet, die in den Jahren 1999-2000 von vier verschiedenen Regisseuren inszeniert wird, ist das für den Befragten "erst einmal ein Schock", wenn auch im Resultat heilsam, denn Wieler kommt dem "erhabenen Grauen" (Wagner) mit einem Witz bei, der in der Inszenierungsgeschichte nicht nur von Wagner-Opern schwerlich seinesgleichen hat. Zusammen mit dem Dramaturgen Sergio Morabito, der seine Opernarbeit von 1994 an begleitet, und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock, an deren Seite Wieler in Heidelberg mit dem Theater angefangen hat, holt er Siegfried aus der Klischee-Ecke. Er verkauft ihn nicht als unwissend heldischen Hoffnungsträger, sondern beleuchtet ihn so grell wie genau als besserwisserisches Pubertätsmonster: die Cannabis-Tüte an, die Klappe auf - wer wollte auf so einen noch hoffen? Jossi Wieler räumt lächelnd ein, er sei nicht allzu traurig gewesen, Siegfried nach dieser Oper wieder loszuwerden, die Götterdämmerung war eines anderen Geschichte.

Rückblickend manifestiert sich für Jossi Wieler in der Beziehung zwischen dem Schlagetot Siegfried und seinem schwächlichen Ziehvater Mime noch einmal jener Konflikt, der ihn seit je auf dem Theater am meisten beschäftigt hat: das Verhältnis Herr und Knecht. Obwohl Jossi Wieler betont, dass er "nicht direkt zu einer Opferfamilie" gehöre, ist sein Verhältnis zu Deutschland ein besonderes. Von 1972 bis 1980 hat er in Tel Aviv studiert und am Habima-Nationaltheater gearbeitet, seine Eltern wohnen heute noch in Jerusalem, der Vater wird demnächst 90 Jahre alt. Dieser hatte via Schweiz versucht, vielen Flüchtlingen zur Flucht aus Nazideutschland zu helfen; ein untadeliger Kaufmann und Bildungsbürger. Kultur war ganz selbstverständlich ein Hauptwort im Hause Wieler, und die Kultur gründete auf deutsche Musik, deutsche Gedichte und deutsches Theater. Das blieb so, trotz alledem.

Und doch hat den jungen Mann in Israel dann kaum einer verstanden, als er nach Deutschland zurückkehren wollte, "auch wenn es Willy Brandt gegeben hatte", wie er sagt, aber was hieß schon zurückkehren? In Wirklichkeit hat Jossi Wieler die Bundesrepublik "kaum gekannt", als er ankam; hauptsächlich nämlich verfolgte er die Berichte in den Theaterzeitschriften, die auch in Israel auslagen, aber das war natürlich nicht die Realität, sondern es waren Rezensionen darüber, wie sich Menschen im Theater neben dem Heute ein Morgen einrichteten, ein besseres, hoffnungsfroheres, freieres: Zadek und Stein, Neuenfels und Pina Bausch hießen sie. "Und genau dahin, wo die waren", sagt Jossi Wieler heute, "wollte ich auch." Mitten hinein ins Theater.

Genau genommen ist er seit 20 Jahren dann dort geblieben, anfangs in Heidelberg, Düsseldorf und Bonn, später in Stuttgart, Basel, Hamburg und München. Noch heute übernimmt er bis zu vier Produktionen im Jahr, das ist viel. Es ist vor allem deshalb viel, weil Wieler nicht darauf aus ist, Distanz zu schaffen im Theater, sondern, ganz im Gegenteil, Nähe aufbaut zwischen denen da oben auf der Bühne und den Zuschauern unten im Parkett. Das kann sehr wehtun, wie in seiner Bonner Amphytrion-Adaption von 1985, die prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, weil Wieler es sportlich (und doch auf gleicher Gedankenhöhe) mit dem sehr deutschen Dichter Heinrich von Kleist aufnahm. Da sprang dann der Schauspieler Robert Hunger-Bühler erst einmal Riesenfelgen drehend ans Reck und versicherte sich so seiner Größe als Gott, um anschließend den arglosen Gehilfen Sosias am Boden mit sprachlichen Exerzitien klein zu machen. Das antike Theben wirkte wie eine einzige deutsche Turnhalle - und die Bühnenbildnerin Anna Viebrock sorgte schon damals fürs Gerät.