Als hätten wir es nicht immer schon geahnt: Rot-Grün hat etwas gegen Kapitalisten.

Wie sonst lässt es sich erklären, dass die Spekulationsteuer auf alle Aktiengewinne der Privatanleger ausgeweitet werden soll? Bislang mussten Aktionäre nur dann Spekulationsteuern zahlen, wenn sie binnen eines Jahres Aktien kauften und verkauften und dabei dicke Kursgewinne machten. Von 2003 an, so sehen es die Steuerpläne der rot-grünen Bundesregierung vor, entfällt die Jahresfrist. Privatanleger werden dann generell zur Kasse gebeten. Lebensversicherungen dagegen bleiben steuerfrei, und deshalb, glauben viele Börsianer, werden die Deutschen künftig weniger Aktien und mehr Versicherungen kaufen. Die Börsenkurse der großen Versicherer jedenfalls legten zu Wochenbeginn schon mal kräftig zu - in Vorfreude aufs künftige Geschäft. Die Aktionärsschützer wiederum beklagen den "Schaden für den Finanzplatz Deutschland" und sprechen vom "Fußtritt für die Aktienkultur".

Rot-Grün hat etwas gegen Kapitalisten? Ach was. Die Wut der Aktionärsschützer ist überzogen.

Natürlich haben es Aktionäre jetzt schon schwer: Die Börsenkrise hat in die meisten Aktiendepots tiefe Löcher gebrannt; allein in Deutschland wurden in diesem Jahr rund 500 Milliarden Euro Börsenkapital vernichtet. Und wer in der Krise noch Gewinne machte - etwa mit der Puma-Aktie, deren Wert sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdreifachte -, soll nun mit Spekulationsteuern bestraft werden. Ziehen die Aktienkurse erst wieder richtig an, kassiert das Finanzamt kräftig mit: 900 Millionen Euro erhofft sich die Bundesregierung bereits im Jahr 2004; zwei Jahre später sollen es 1,6 Milliarden sein.

Dennoch ist es richtig, die Spekulationsteuer auszuweiten. Wenn es wirklich darum geht, die Aktie als langfristige Form der Geldanlage zu fördern - und genau das sollte auch das Anliegen der Aktionärsschützer sein! -, müssen Zocker eben zahlen. Hinzu kommt die Steuergerechtigkeit: Warum sollen Kursgewinne vom Fiskus anders behandelt werden als die Einnahmen aus anderen Geldanlagen, zum Beispiel Festgeld? Einkommen ist Einkommen, und das sollte versteuert werden.

Eine sinnvolle Spekulationsteuer steht auf drei Beinen: Jeder muss sie zahlen - daher führt Rot-Grün auch so genannte Kontrollmitteilungen ein, die direkt von der Bank ans Finanzamt gehen. Kursverluste müssen gegengerechnet werden können - auch das wird kommen. Und die Steuer muss befristet sein - nach zwölf Jahren sollten Kursgewinne tatsächlich steuerfrei sein. Dann wäre die Aktie anderen Anlageformen gleichgestellt: Selbst genutzte Immobilien sind nach zehn Jahren steuerfrei, eine Lebensversicherung mit einer Mindestlaufzeit von zwölf Jahren ist es sowieso.

In Sachen Haltefrist muss die Regierung also nachbessern. Dann hilft Rot-Grün auch der Aktienkultur - ganz gleich, was Aktionärsschützer heute sagen.