Berlin, 14. Oktober, Wissenschaftskolleg, Blumen auf Resopaltischen, der Preisträger, strahlend, in Turnschuhen, verhandelt am Handy mit der "FAS", die ihn mit Martin Walser verwechselt hat, nein, lächelt er in den Hörer, nicht er sei durch Martin Walsers Buch verletzt, Walser sei es, den er, Kertész, für verletzt halte. Dann breitet er die Arme aus für den nächsten Gast, kommen Sie, sehen Sie, dies ist eine Glückskatastrophe. Imre Kertész: geboren am 9. November 1929 in Budapest, mit 15 Jahren deportiert nach Auschwitz, 40 Jahre freiwillig inhaftiert in einer 28 Quadratmeter großen Wohnung, Autor des besten belletristischen Werks über den Holocaust, hat den Literaturnobelpreis erhalten

DIE ZEIT: Sind Sie glücklich?

Imre Kertész: Ich bin sowieso glücklich. Aber jetzt bin ich noch glücklicher.

ZEIT: Ist Glück für Imre Kertész nicht die Rettung des Kleinbürgers vor der Tragödie der Existenz?

Kertész: Glück ist Pflicht. Wir sind auf Erden, um glücklich zu sein, würde der Herr sagen, wenn es den Herrn gäbe.

ZEIT: Sie sind jetzt ein reicher Mann, wenn Sie wollen, können Sie sich die pannonische Tiefebene kaufen.

Kertész: Meine Frau stürmt die Berliner Läden und ruft, mein Mann ist ein Nobelpreisträger, her mit Ihrem Champagner, mit Ihrem Kaviar!

ZEIT: In Ihrem Galeerentagebuch steht: "Ich werde immer ein zweitrangiger, verkannter und missverstandener ungarischer Schriftsteller sein. Was ich betreibe, ist eine Illusion, und dafür vergeude ich mein Leben."

Kertész: Ich lebte in einer verkehrten Welt. Schlechte Künstler waren gute Künstler und umgekehrt. Als ein verkannter osteuropäischer Künstler mit einer nicht indogermanischen Muttersprache hatte ich nicht die geringste Hoffnung.

ZEIT: Ist dieser hoffnungslose Dichter von damals noch dabei, wenn Sie demnächst den schwedischen König treffen?

Kertész: Der ist immer dabei. Die Frage ist, wer da zum König geht. Kertész, das ist für mich inzwischen eine Marke, eine Warenmarke wie Mercedes.

ZEIT: Der Weg vom 15-jährigen Lagerhäftling über die jahrzehntelange Arbeitshaft in Ihrer winzigen Budapester Wohnung bis zum Stockholmer Königshof ist eine beispiellose europäische Karriere. Kann die Seele da Schritt halten?

Kertész: Sie kann nicht Schritt halten. In Ungarn bin ich jetzt zum Nationalhelden geworden. Ich muss diese Rolle annehmen, das Land ist in einer hoch komplizierten Situation. Wir sind gespalten, Liberale und Nationalisten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Meine Aufgabe heißt jetzt: Frieden machen.

ZEIT: Das macht die Marke. Und was macht der andere?

Kertész: Es gibt einen Typ, der ist immer da, wo ihm etwas widerfährt, er ist total anwesend. Und es gibt einen anderen Typ, der hat einen unbeweglichen Punkt, von dem aus er das Leben betrachtet. Dieser unbewegliche Punkt hat sich seit meiner Kindheit nicht verändert. Er war auch in Auschwitz da, er war da, als ich noch Kraft hatte, und er war da, als ich am Sterben war. Diesen Punkt kann ich manchmal zum Sprechen bringen.

ZEIT: Ein existenzieller Voyeurismus ...

Kertész:  ... eine Begabung zuzugucken, aber das bin ich nicht, das mache ich nicht.

ZEIT: Was sagt der Voyeur jetzt?

Kertész: Er ist da und lacht.

ZEIT: Gibt es noch Erinnerungen an Auschwitz - an den Jungen dort - die noch nicht Literatur geworden sind?