Natur hat's leicht: Sie zeigt sich, und alles sagt oh und ah. Die Kunst hingegen, gar die Literatur - da wird's schon komplizierter.

Denkt man. Dann aber hört man, wie jede und jedermann beinander sitzen und über den letzten Handke, den letzten Walser, den letzten Ichweißnichtwas reden, als ob's überhaupt das Letzte wär, geradezu das Allerletzte.

Gewiss ist es schön, dass es sich da um etwas handelt, was viele interessiert und zumindest zeitweise beschäftigt. Dem Automechaniker, der Köchin, selbst dem Pfarrer schaut und hört man zu und sagt: Davon versteh ich nicht so viel, Sie sind der Fachmann. Kunst aber, lieber Kritiker, gehört uns allen, nicht nur dir. Und darum möchten wir, im trauten Kreis und unter uns, vor allem und nach Herzenslust verreißen, ja verreißen. Ohne Beleg, ohne Begründung, ohne Beweis.

Soll sein. Man kann ja nicht immer Scrabble spielen. Dass die veröffentlichte Kritik hingegen nicht ohne Warum und Wieso argumentieren darf, versteht sich. Aber wozu über Bücher reden, die man dann sowieso nicht lesen soll? Lebt nicht Literatur vor allem von der Zuneigung, ja der Begeisterung, die sie hervorrufen kann? Von der Zustimmung also?

So ist es, aber so ist es nicht nur. Denn Literatur ist bekanntlich das, was wir uns unter Literatur vorstellen, und da wir uns nicht alle das Gleiche vorstellen, muss immer wieder zur Diskussion gestellt werden, was geglückt, aber eben auch, was nicht geglückt, was verfehlt und was hässlich ist. Literaturkritik, die ernst genommen werden will, kann sich ja nicht auf die nett verpackte Empfehlung von Lesestoff beschränken. Vielmehr geht es immer auch um die Arbeit an den Maßstäben, nach denen wir Literatur beurteilt wissen wollen.

Es gibt ja zu unser aller Staunen unter den abertausend Neuerscheinungen, die Jahr um Jahr den belletristischen Markt erobern wollen, immer nur ein paar hundert, die im Buchhandel und in den Medien dazu überhaupt die Chance bekommen, und bislang hat noch niemand den göttlichen Daumen gesehen, der da rauf oder runter, rein oder raus anzeigt. Gerade deswegen aber, weil der Markt das eine und nur schwer durchschaubar ist, muss das andere, das Urteil nämlich, offenkundig und nachvollziehbar sein, und das kann es nur, wenn beide, Ja und Nein, immer wieder in der Praxis vorgeführt werden.

Ja, aber ist denn nicht jedes Urteil in Kunstdingen das Subjektivste überhaupt? Sind nicht im Verhältnis dazu die regulierenden Kräfte des Marktes die Objektivität selbst?